Am letzten Dienstag-Nachmittag stand im Betreuten Wohnen wieder eine LeseRunde an. Schrieb ich schon, dass die Damen ein Alter zwischen 80-100 Jahren haben? Und alle, wohlgemerkt, bis auf Schwerhörigkeiten, ziemlich topfit sind?
Wie schrieb doch George Tabori zum Altern: " Zum Beispiel macht der alte Mensch sich weniger Sorgen über das Altern als der junge. Schwerhörigkeit mit 25 würde einen in Panik versetzen, anders in späteren Jahren, wenn man dem Gockelstadium entronnen ist: willkommen zur gedämpften Kakophonie. [..]"
Also, am Dienstag las ich aus "So zärtlich war Suleyken" von Siegfried Lenz vor. Es war die fünfte LeseRunde, die ich seit Herbst 2015 anbiete und jedesmal hören bis zu 15 Damen zu ( die dazugehörenden Herren sind zumeist schon gestorben ). Sie sind nicht nur sehr aufmerksam im Zuhören, sondern auch im Reflektieren, wenn wir hinterher über den Inhalt sprechen. Erinnerungen werden vorgekramt, erzählt.
Es ist wahrlich eine win-win-Situation
Nun frage ich mich schon länger, ob das so weitergehen wird, wenn wir (ich) einmal alt sind (bin)? Ich sehe den Markt wohl, die Buchhandlungen, übervoll mit Lesegut und Hörkassetten; die Büchereien schreiben zufrieden-wohlwollend, wie hoch die jährlichen Ausleihen seien; die Buchmessen sehen auch nicht so aus, als ob morgen deren Aus angesagt wäre. Und ich denke auch, so schnell wird der Leser nicht zum Dino. Und trotz alledem ...
.... trotz alledem beobachte ich auch die neue Realität, nicht nur z.B. seit gestern, in unserer hiesigen Tagespresse beschrieben, ein kleiner Leitartikel mit viel Inhalt, über die Mobilfunkmesse in Barcelona u.a.: "Mobile is everything" ... "Internetfreie Zonen und Funklöcher als Bedrohung. ... Ohne Netz zu sein, das heißt für viele: keine Kommunikation, keine Information, kein Spaß ( und keine Geschäfte) [...] "Neue Realität" nennt man die virtuellen Möglichkeiten bei ***. Sie taugt vielen für die Flucht aus dem Alltag besser als Spielfilme oder der Ausflug in den Freizeitpark. Ähnlich verhält es sich mit der "Erweiterten Realität", bei der der Betrachter zusätzliche Informationen erhält, die zum Beispiel auf eine Computerbrille eingeblendet werden. Warum sich mit weniger zufriedengeben, wenn man auch mehr haben kann? [...]" resümiert der Autor des Artikels Daniel Gräfe.
Ihr habt schon in den vorherigen Kommentaren beschrieben, was ich auch denke, selbst vorlesen, Phantasieren, die Nähe zu vertrauten Menschen, die Wärme, all dies ist selbst in unserer heutigen hochzivilisierten Welt sehr sehr wichtig. Es erdet. Es gibt Vertrauen. Traditionen werden gepflegt. Es werden Werte geschaffen, die man nicht kaufen kann. Die richtige Mischung kreiieren. Das fände ich gut. Den Fortschritt der virtuellen Möglichkeiten will ich auch nicht missen. Nur den richtigen Umgang den Kindern vermitteln, vorleben, das erwarte ich von mir, von Eltern, von ErzieherInnen, von Schule, überhaupt dem gesellschaftlichem Umfeld ( ist dies ein kleiner utopischer Ausflug oder vielleicht doch realistisch?).
Es könnte sonst so aussehen, wie es Boualem Sansal in "Mahgreb - eine kleine Weltgeschichte" im Kapitel "Zeit der Legenden" u.a. beschreibt: "Die Legende beginnt, wo die Geschichte endet, und uns hatte die Geschichte längst abgehängt. Vielleicht hatten wir auch nur zu lange auf unsere Stunde gewartet und waren vom vielen Nichtstun schon ganz lendenlahm. Wir hockten tagaus tagein auf den Ruinen unserer Vergangenheit und träumten von dem, was an fernem, vergessenem Ort einmal war, und von dem, was wohl wäre, sollte die Welt auf den Gedanken kommen, einmal bei uns hereinzuschauen. [...] Sansal bezieht diese Zeilen auf das Mahgreb-Volk, aber man kann diese Zeilen auch als Metapher lesen.
Ich möchte noch einen Sprung machen. Und zwar zu Velma Wallis. In ihrem Vorwort zu der Legende "Zwei alte Frauen" schreibt sie u.a.: [...] Geschichten sind Geschenke älterer Menschen an junge. Leider werden derlei Gaben heute sehr viel seltener verschenkt und empfangen, da ein Großteil unserer Jugend mit Fernsehen beschäftigt ist und atemlos versucht, mit dem modernen Leben Schritt zu halten. Doch vielleicht werden ja morgen einige wenige aus der heutigen Generation, die noch für die Weisheit der Alten empfänglich sind, jene von Mund zu Mund überlieferten Geschichten im Gedächtnis bewahren. Und vielleicht wird die Generation von morgen wieder begierig nach Geschichten wie dieser sein und so die eigene Vergangenheit, das eigene Volk und, wie ich hoffe, auch sich selbst besser begreifen lernen [...]. ( 1993)
Es ist spät geworden. Ich hätte Lust, weiter zu schreiben, Textstellen zu zitieren, aber es könnte gut sein nach dem Motto: was zuviel ist zuviel 
Nur ein Gedichtzitat noch. Vom Walther. Von Walther von der Vogelweide. Es stammt aus der Zeit um 1310.
Ich saz uf eime steine
und dahte bein mit beine.
dar uf satzt ich den ellenbogen,
ich hete in mine hant gesmogen
daz kinne und ein min wange.
do dahte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.
Ich saß auf einem Stein
und hatte ein Bein über das andere geschlagen.
Darauf hatte ich den Ellenbogen gestützt
und hatte das Kinn und eine Wange
in meine Hand geschmiegt.
Da überlegte ich mir sehr genau,
wie man auf der Welt leben sollte.