Der Kommentar von Thomas Fischer ("Unser Sexmob") in der Zeit ist wie immer intelligent, breit reflektierend und sprachgewaltig ausgefallen. Ich bin allerdings nicht ganz sicher, ob er die Diskurslandschaft gut erfaßt.
Mir scheint, in den sozialen Medien treffen weniger die Situationseinschätzungen als die Ideologien aufeinander, und brüllen aneinander vorbei. Auf der einen Seite befinden sich die "Islamkritiker", deren Narrativ von einer relativ intakten, moralisch und zivilisatorisch entwickelten westlichen Welt ausgeht, in die unzivilisierte Horden mit dem Ziel der Schariaeinführung und der Verbreitung von sexueller, sozioökonomischer, und kultureller Barbarei einfallen. In Köln sind islamische Ausländer zusammengekommen, und haben gegen den zivilisatorischen Kontrakt verstoßen, der es modernen westlichen Frauen möglich macht, sich ohne große Angst und durchaus mit erotischen und auch ein wenig alkoholisierten Absichten ins Partygetümmel zu stürzen.
Eine andere Lesart kommt von den sozialkonstruktivistischen Feministinnen, aus deren Sicht wir in einer "Rapeculture" leben, also in einer Gesellschaft, in es prinzipiell akzeptabel ist, dass Männer Frauen belästigen, vergewaltigen und mit dem Tode bedrohen, und damit durchkommen. Dieser Zustand kann nur geändert werden, indem toxische Männlichkeitsidentitäten aufgelöst werden. Frauen müssen bei allen Großveranstaltungen (z.B. auch beim Oktoberfest) damit rechnen, vergewaltigt zu werden, und die Übergriffe in Köln haben wenig mit der Herkunft der Täter, aber viel mit ihrem Geschlecht zu tun.
Daneben gibt es noch ein paar weitere Diskursparteien, z.B. die "Feminismuskritiker", aus deren Sicht der eigentliche Skandal in der männerfeindlichen Fehldeutung der Kölner Vorfälle durch die Feministinnen liegt (die von den Aufschrei-Aktivistinnen kolportierte Zahl von 200 jährlichen Vergewaltigungen beim Oktoberfest ist nach Polizeiangaben unzutreffend und frei erfunden), und der "Pegidakritiker", aus deren Sicht das Problem die Verurteilung von Flüchtlingen durch Ausländerfeinde ist (der Anteil der Flüchtlinge unter den Delinquenten ist vermutlich gering, und es handelt sich nicht um Tausend Täter, sondern nur Dutzende, die aus Tausenden heraus agierten, und diese Dutzende waren möglicherweise ganz normale kriminelle Deutsche)
Und schließlich gibt es noch die Anstandsbürger, die es unvernünftig finden, wenn Frauen auf öffentlichen Lustbarkeiten keine Armlänge Abstand von ihnen unbekannten Männern halten, sowie die Anstandsbürgerkritiker aus allen Lagern, die darin entweder eine Verurteilung der Opfer ("Victimblaming"), oder ein Einknicken gegenüber den Tätern (Akzeptanz der verderblichen Folgen des "Multikulturalismus") sehen.
Unsere Kanzlerin hat es grade schwer, weil sie vom rechten Flügel ihrer Partei für die zahlreich aufgenommenen Flüchtlinge verantwortlich gemacht wird, und sie versucht mit der ihr eigenen sprachlichen Ungelenkigkeit, keinen Zweifel an ihrer christdemokratischen Nichtakzeptanz der Kölner Täter zu lassen.
Jede der obigen Positionen folgt logisch aus der Schablone, mit der die einzelnen Parteien die Welt betrachten. Ich stehe Fischers Schablone recht nahe, aber ich glaube nicht, dass seine Vorwürfe an die Ressentiments der Gegenparteien ins Schwarze treffen.