Der Kinderpunsch blieb beim Zoll stecken (17.12.2008)

NÜRNBERG - Was Nürnberg für Deutschland ist, ist New York für Amerika: die Weihnachtsstadt. Doch die größte Stadt der USA kann von der größten Stadt Frankens noch einiges lernen – das beweist ein Ostfriese.

Wenn sich Besucher aus aller Welt durch die Gassen aus rot-weiß behängten Ständen drängen; wenn die Händler Kunsthandwerk, Schmuck oder Spielzeug anpreisen; und wenn die Lichterketten in die kalte Nacht hinausstrahlen, dann fühlt es sich derzeit auch am Union Square in Manhattan ein bisschen nach Christkindlesmarkt an.

Doch um das Gefühl vollkommen zu machen, fehlt Entscheidendes: Ausgerechnet Essen und Trinken haben auf dem größten Wintermarkt New Yorks keinen Platz mehr gefunden. Zumindest bis vor vier Jahren. Dann kam Ingo Bergmann aus Ostfriesland zum ersten Mal hierher und hatte eine Geschäftsidee, die man eher von einem Nürnberger erwartet hätte: «Mensch, hier ein Glühweinstand, das wär’s doch!»

Gedacht, getan, informierte sich Bergmann über die rechtlichen Bedingungen, die es einzuhalten gab, nahm Kontakt zu Glühwein- und Lebkuchenfirmen aus Nürnberg auf und gründete schließlich sein eigenes Unternehmen: «German Delights Incorporated». Nicht ganz ohne Schwierigkeiten importierte er in einem Containerschiff die ersten Weihnachtsspezialitäten aus Deutschland.

Ein Probeschluck vom «Gluhwine» gefällig?

«Wir wussten ja überhaupt nicht, wie viel die Leute trinken und essen», erinnert sich der 30-jährige Bergmann, der bis dahin die meiste Zeit bei einer Bank gearbeitet hatte. «Und dann wurde der Kinderpunsch vom Zoll festgehalten, weil es dafür noch keine passende Registrierungsnummer gab und englische Etiketten fehlten.» Mit selbst entworfenen Etiketten ließen sich die Zollbeamten glücklicherweise zufrieden stellen.

Nachdem im Winter 2005 der erste Stand von «German Delights» auf einem Markt in der Nähe des Central Parks öffnete, wurden die Nürnberger Weihnachtsspezialitäten schnell so beliebt, dass Bergmann und seine zwei Helferinnen in diesem Jahr einen zweiten Stand betreiben – auf eben jenem bekannten Wintermarkt am Union Square.

Die deutschen Flaggen, die den Stand schmücken, machen amerikanische Besucher neugierig. «Gluhwine? What‘s that?», hört man viele im Vorbeigehen sagen. Wer den Teller mit Kostproben entdeckt, bleibt stehen und greift zu. «Interesting», heißt es im schlechtesten Fall. Die meisten verleihen den Lebkuchenstückchen aber ein «oh, that tastes good»-Prädikat.

Nach einer Erklärung, dass es sich bei der Geschmacksprobe um deutsches «Ginger Bread» (Lebkuchen) handelt, das nicht so hart und nicht so furchtbar süß ist wie das amerikanische, zücken viele Kunden ihre Geldbörse. Manche kaufen gleich mehrere Schachteln Lebkuchen – wenn es sich um ein Geschenk handelt, gerne auch in einer der kunstvollen Metalldosen. Auch Spekulatius, Vanillekipferl, Zimtsterne, Dominosteine und Adventskalender kommen gut an.

Ohne kostenlose Proben würde das Geschäft aber bei Weitem nicht so gut laufen, das haben Ingo Bergmann die drei Jahre Erfahrung gezeigt: «Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht – der Spruch gilt eben auch in Amerika», sagt er. Und weil manche Amerikaner deshalb doch lieber ganz auf den unbekannten Glühwein verzichten, bietet «German Delights» mittlerweile auch Apfel Cider an.

Es gibt schon Stammkunden

In den fünf Wochen vor Weihnachten arbeiten Bergmann und seine zwei Kolleginnen jeden Tag etwa zwölf Stunden. Zuerst müssen sie mit ihrer Ware von Queens nach Manhattan fahren – wo Lagerräume unbezahlbar wären – bevor um 11 Uhr beide Wintermärkte eröffnen. Dann folgt Arbeitsteilung: Zwei bleiben dauerhaft bei den Ständen, der Dritte im Bunde pendelt den Tag über hin und her. Abends um acht werden die Stände dann dicht gemacht. Wenn am Wochenende besonders viel los ist, hat jeder Stand an die 1000 Kunden, schätzt Ingo Bergmann.

«Da bildet sich dann schon mal eine Schlange», sagt er. «Aber wir verkaufen Spezialitäten – und dafür warten die Leute auch.» Nach drei Jahren gebe es schon Stammkunden, die sich rechtzeitig eindecken. «Am 24. Dezember ist nämlich das meiste ausverkauft», sagt Bergmann. Dieses Jahr hat er zwei Tonnen Lebkuchen und anderes Weihnachtsgebäck aus Nürnberg importiert.

Dank «German Delights» können jetzt auch New Yorker einen Hauch von Christkindlesmarkt abbekommen – auch wenn immer noch ein paar Kleinigkeiten fehlen. So ist der «Glühwein» in Wahrheit Kinderpunsch, und den muss man aus Pappbechern trinken: Beides Zugeständnisse an amerikanische Vorschriften.

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Juhu. Erster Artikel. Ist echt sehr easy…