Das Reden mündet nur nicht zwangsläufig in Zusammenhalt, wenn es keine Debattenkultur gibt. Über die Spanier zum Beispiel wird folgendes gesagt:
Die Spanier beherrschen die Kunst der Unterhaltung, aber ihre Gesprächskultur ist ein Desaster. Hemos discutido – wir haben diskutiert – bedeutet: Wir haben uns gestritten. Unterschiedlicher Meinung zu sein, ist ein Anlass für Streit, nicht für eine fruchtbare Diskussion. »No te quiero convencer«, sagt einer zum anderen, »ich will dich nicht überzeugen.« Dass aus These und Antithese eine Synthese erwachsen könnte, hält ein Spanier für ganz unmöglich.
Die Unlust, abweichenden Überzeugungen mit Argumenten zu begegnen, führt im Privaten dazu, dass die meisten Spanier Diskussionen aus dem Wege gehen. Über Politik wird so lange geredet, wie sich alle einig sind. Kommen ernsthafte Meinungsverschiedenheiten auf, ist der beliebteste Ausweg der Themenwechsel. Ist die Debatte öffentlich, wird gnaden- und fruchtlos weitergeredet.
Fernsehen und Radio füllen ihre Sendezeit mit tertulias, stundenlangen Gesprächsrunden, in der die Teilnehmer von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung haben. (Ja, das ist böse zugespitzt. Aber weniger, als Sie denken.) Weil sich die tertulianos gewöhnlich gegenseitig ins Wort fallen, hat TVE ein Format erfunden, das den Diskutanten Fesseln anlegt: In der wöchentlichen Debattensendung 59 segundos dürfen die Teilnehmer nicht länger als 59 Sekunden am Stück sprechen, dann versinkt das Mikrofon vor ihnen im Pult. So reden immerhin nicht alle gleichzeitig, ansonsten verbessert es die Qualität der Debatte kaum.
Die wenigsten der geladenen Gäste haben ein Interesse, ihre Zuhörer von irgendetwas zu überzeugen. Sie hauen sich bloß ihre Meinungen um die Ohren. Den Spaniern fällt dazu ein Goya-Bild ein: Im »Duelo a garrotazos« schlagen zwei Gestalten mit Knüppeln gegenseitig aufeinander ein, während sie bis zu den Knien im Dreck stecken. Leider hat sich Spaniens Streitkultur in den vergangenen 200 Jahren wenig fortentwickelt.

Das beunruhigt auch die klügeren Spanier. Fernando Savater, einer der einflussreichsten Philosophen Spaniens, schrieb 1997 in seinem Essay El valor de educar (deutsch: Darum Erziehung): »Diskutieren, bestreiten, begründen zu lernen, was man denkt, ist ein unverzichtbarer Teil jeder Erziehung, die den Titel ›humanistisch‹ für sich in Anspruch nimmt. Dafür reicht es nicht, sich klar und deutlich ausdrücken zu können [...], sondern man muss auch die Fähigkeit entwickeln, dem zuzuhören, was auf dem diskursiven Turnierplatz vorgeschlagen wird.« Und weil es an dieser Stelle hakt in Spanien, mehr als in anderen Ländern, schlug Savater vor einigen Jahren die Einführung eines Schulfaches vor, das den Schülern (neben anderen Fähigkeiten) das Diskutieren beibringen solle. Die sozialistische Zapatero-Regierung griff die Idee auf und setzte 2006 die Educación para la Ciudadanía auf den Stundenplan – die Erziehung zum Staatsbürgertum. Spaniens Rechte und die katholische Kirche bekämpften das Schulfach und riefen die Lehrer zur »Gewissensverweigerung« auf, weil Erziehung Sache der Eltern sei, nicht des Staates. In Wirklichkeit hatten sie Angst, dass den Kindern zu viel Toleranz beigebracht werde, gegen Homosexuelle zum Beispiel. Das Fach gibt es trotzdem noch, aber die Lehrpläne sind so weit verwässert, dass jede Schule ihre eigene Staatsbürgererziehung betreibt und niemand mehr weiß, ob die einst hochgesteckten Ziele erreicht.
Aus: "Spanien: Ein Länderporträt" von Martin Dahms
Ich finde es hochinteressant, dass dort erkannt wurde, dass man an der Debattenkultur arbeiten muss und das sogar staatlich verordnet. Das ist ja schon mal ein Schritt, den ich hier überhaupt noch nicht sehe, aber begrüßen würde.