Cyberpunk, früher, heute, gestern

Der Cyberpunk flammt wieder in groß beachteten Medienwerken auf, aber hat dennoch, so scheint es, in den vergangen Dekaden nahezu keine nachhaltigen Veränderungen durchlebt. Sei es die Netflix-Serie Altered Carbon, Duncan Jones’ Mute, Gabe Ibáñez’ Automata, die neuen Teile der Deus-Ex-Reihe oder das kommende Cyberpunk-2077-Game: Abgesehen von Franchise-spezifischen Eigenheiten wabert in all diesen Genre-Auskopplungen ein untergründiger 80er- und 90er-Jahre-Duktus.

Die Serien, Filme und Videospiele adaptieren die gleichen Stilmittel, Looks, Klischees, Tropes und gerne auch Technologieästhetiken, die ihre literarischen und filmischen Vorbilder vor fast 40 Jahren gesetzt haben. Aber nicht zuletzt rotieren sie um die gleichen Themen und Problemstellungen: Der Wert und Selbsterkenntnisstatus von künstlichem Leben, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, Künstliche Intelligenz und Hacker als die große Gefahr, die Aushöhlung der Staatsmacht durch Konzerne, die ungleiche Verteilung von Reichtum, Einfluss und dadurch Leben und Lebensqualität.

Damit wirken diese Werke vielfach anachronistisch; wie aus der Zeit gefallen. Beinahe als hätten sie sich selbst überlebt. Insbesondere wenn man bedenkt, dass 2019 das Jahr sein wird, ist dem die düstere Zukunft von Blade Runner angesiedelt ist. In gewisser Weise ist es aber auch wirklich so: Das Gros des Cyberpunk-Genre hat seine Tauglichkeit als Zukunftsvision verloren – und schafft es nicht, nach vorne zu blicken, neue Entwicklungen und Zukünfte zu prophezeien oder vor politischen und gesellschaftlichen Tendenzen zu warnen. Stattdessen stellen die Welten, die diese Filme, Bücher, Serien und Games zeichnen, einen metaphorischen Spiegel unserer jetzigen Gegenwart dar.

Die von Neon-Schriftzügen, LED-Wänden und holographischen Werbeanzeigen gepflasterten Städte von Blade Runner, Altered Carbon und Ghost in the Shell sind Wirklichkeit: Unsere Wirklichkeit. Zumindest im übertragenen Sinne. Die allgegenwärtige Werbung, die sich invasiv in unser Blickfeld drängt, ist da: Nämlich auf den Bildschirmen, die wir in Form von Smartphones und Tablets stets vor uns hertragen. Multinationale Megakonzerne sind mit Amazon, Google, Facebook, Apple, Tencent und Alibaba ebenso real. Und sie sind genauso janusköpfig und mächtig wie ihre Vorbilder: Sie produzieren Smartphones und betreiben unabdingbare Kommunikationsplattformen, stellen uns kostenlose Email-Postfächer und Messenger bereit und ermöglichen ein angenehmes Online-Shopping. Aber gleichzeitig überwachen sie uns, forschen an KI-Waffen, Gesichtserkennungssystemen oder sammeln und bewerten sogar personenbezogene Daten für Regierungsstellen. Gleichzeitig buhlen Städte und Staaten darum, diese Konzerne beheimaten zu dürfen.

> Natürlich können wir uns heute auch schon Chips unter die Haut implantieren lassen, was erste Unternehmen nun nutzen wollen, um ihre Angestellten zu kontrollieren – die das auch noch gerne mitmachen. Ebenso wie einige Schweden, die mit den kleinen Chip-Kapseln ihren Ausweis ersetzen. Wir haben Virtual-Reality-Brillen und Debatten darüber, wie und ob diese als Folterwerkzeuge eingesetzt werden könnten. Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether und EOS unterlaufen das Bankensystem und staatliche Kontrollen – machten einige zu Millionären und kostete andere hingegen ihr hart erspartes Geld. Und in chinesischen Metropolen wie Shenzhen und Peking akzeptieren Bettler und Obdachlose nicht mehr nur Bargeldspenden, sondern auch Mobile-Payments über WeChat-QR-Codes. That’s as cyberpunk as it gets.

Auch nahezu ausschließlich aus dem Netz heraus befeuerte gesellschaftliche Bewegungen wie #metoo, die #gamergate-Debatte, die Far-Right- und Pegida-Bewegungen sind total cyberpunk – vor allem, wenn man auf die 90er-Jahre-Comic-Reihe Transmetropolitan zurückblickt, die als eine der ersten Medien beschrieb, wie ein Online-Artikel eine Milliardenstadt in Aufruhr versetzten kann. Und… sind unsere Smartphones mit all ihren Funktionen und Möglichkeiten nicht sogar ausgelagerte kybernetische Implantate, die unsere Fähigkeiten erweitern? Nicht zuletzt wenn man bedenkt, wie hilflos wir werden, wenn der Akku zur Neige geht.

Will sagen: Wir steuern nicht nur auf eine Cyberpunk-Zukunft zu. Wir leben bereits in einer. Selbst wenn die Städte weniger dreckig, der Regen weniger sauer und die Dichte der Flugtaxis heute noch vergleichsweise dünn ist. Das lässt allerdings auch fragen, ob und wie die Zukunft des Cyberpunk ausschauen kann und sollte – das sich heute offensichtlich onst alleinig im repetitiven Aufguss bekannter (wenn auch unwahrscheinlich cooler) Stilelemente und Symbole ergeht. Denn auch wenn die Geschichten nun irgendwie aktueller und unmittelbarer denn je sind, nimmt sich das Genre dadurch auch die Option, zu warnen, zu ermutigen und die Zukunft mitzugestalten – wie es Blade Runner, Neuromancer und andere frühe Cyberpunk-Werke taten. Es verliert seine Relevanz und seinen Status. Das stellte auch Paul Walker-Emig im Guardian fest. Vorformatierter Text

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Nice!

Echt schöner Text!

Danke ; ) In voller Länge gibt’s den Text samt Anhang hier ; ) https://azimutfutur.substack.com/p/azimut-futur-180002-cyberpunk

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