nensch - Ehrlich währt. Der einfachste Mensch ist immer noch ein sehr kompliziertes Wesen.
[Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)]
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Das noch (Tagebücher)
Tagebuch von Nils Schöner, veröffentlicht am 31.1.2010 um 15:40:38

Wir traten aus unserem Appartement hinaus in die Sonne. Jemand hämmerte langsam auf das Blechdach einer Baracke. Die Hitze lag ebenso blechern in den Ohren. Im Vorgarten wuchs Rosmarin und es gab viele Schnecken, die unter den Sohlen knackten, wenn man versehentlich auf sie trat.  

„Könnte man eine gute Paella draus machen”, sagte Karl.
„Ja, mit Rosmarin.”, sagte ich.
„Entweder-oder. Rosmarin oder Schnecken. Die futtern das Zeug. Paella. Paella. Ich kann keine Nudeln mehr sehen.”
„Unser neuer Freund weiß viel, aber ist nie über die dritte Seite der Speisekarten hinausgekommen mit seinem Italienisch”, sagte ich zu Sylvia, meiner Freundin, die hinter uns ging. Sie trug einen schwarzen Badeanzug und hatte sich ein Handtuch um den Brustkorb geschlungen. Sie sah sehr gut aus. Mich störte, dass Sylvia eine Sonnenbrille trug. Ihre Gesten und Kopfbewegungen wirkten abwesend und müde und etwas um ihre Augen zuckte unentwegt. Wir waren auf dem Weg zum Strand.
„Du meinst wohl, Du bist geheiminisvoller mit der Brille”, sagte ich zur ihr. Sie winkte ab.
„Ihr kennt Euch lange”, sagte Karl.
„Kennen wir uns lange, Sylvia?”
„Lang und länger”, antwortete sie und atmete laut ein und aus. Wir gingen schnell und das Hämmern hörte auf. Die Hitze plärrte weiter wie ein lautes Testbildrauschen. In der Ferne beschleunigten zwei Mopeds. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Jutesack; das Eis, das ich in der Ferienwohnung aus Eiswürfeln geschlagen und mit in die Flasche gegeben hatte, war verschwunden und das Wasser angenehm kühl. Ich nahm einen Schluck und gab weiter an Karl. Er wollte, dass Sylvia trank.
„Nein, trink ruhig, ich bin nicht durstig, Karl.” Er leerte die Flasche mit enormen Zügen. Wir warfen sie in einen Abfalleimer, der zum Bersten mit Plastiktüten voller Unrat gefüllt war und nach Sardinen roch. Eine schmale Straße, an der einige Fisch- und Gemüsegeschäfte lagen, führte zum kleinen Kreisverkehr, an der sich die staubige Bäckerei befand, in der wir morgens 'Rosetti' kauften. In der Mitte des Kreisels standen verrostete und stark lädierte Bänke, Karl hatte sich hier tags zuvor an einer hervorspringenden Metallzunge verletzt.
„Ich sollte die Gemeinde verklagen. Wenn die Wunde anfängt zu pchen, mach ich es ganz sicher”, sagte er.
Graue Autos, Lieferwagen und Mofas knatterten vorbei und wirbelten Schmutz auf, der sich in Sylvias weißem Handtuch schlafen legte. An diesem schattenlosen Ort wollte ich verharren, auch, wenn es unerträglich war, für einen Moment in den Sand sinken und eins wurden mit den Erdgeistern. Nach weiteren fünf Minuten kamen wir zum Eingang der Gasse, an dessen Ende es blaugrün funkelte. Wir hielten an und besahen uns das Licht.
„Gehen wir zum Strand?”, fragte ich wie jeden Tag.

Der Strand präsentierte sich makellos und leer unter einem Plastikhimmel. Das Meer war laut und schön, und es warf seine schaumigen Wellen auf das Land in dem Versuch, sich festzusaugen. Drei Händler mit verbrannter Gesichtshaut standen im Schatten einer riesigen Pinie eines anliegenden Bungalows und teilten sich einen Joint. Ihre Verkaufsspaletten lagen im Sand.
„Hier stinkt's wiederum nach verbranntem Rosmarin”, sagte ich.
„Lasst uns weiter nach links, da kommt der Wind her”, sagte Karl.
Wir passierten die Gruppe und alle drei Typen starrten Sylvia an. Die schier unerschütterliche Freundlichkeit der letzten Tage war aus ihren Gesichtern gewichen. Etwa hundert Meter weiter hielten wir an einer guten Stelle mit einer flachen plätschernden Sandterrasse, die gemächlich ins Meer führte. Wir breiteten unsere Badetücher aus, der Wind stieß gegen sie und bewarf uns mit Sand. Bald war unsere Haut ausgetrocknet. Ich ging ins Wasser und besah mir auf dem Weg kleine Krebse, hob ein paar Stabmuscheln auf und warf sie wieder fort. Ich ging weiter hinein, der Grund war schleimig und kunststoffartiger Tang legte sich um meine Beine, den ich herausfischte und von mir warf. Ich tauchte nur kurz, denn es erfrischte nicht und die Sicht unter Wasser war schlecht. Zwanzig Meter draußen war eine Sandbank, auf der man stehen konnte.
„Hier sind keine Duschen”, rief Karl, dessen Stimme vom Wind forgetragen wurde. Zwei Jungen am Strand hielten einen Drachen, der direkt über mir stand und mit einem Schwanz aus Zeitungspapier rasselte. Ich brachte ein paar Züge zustande und spürte die Strömung der Sandbank. Dann machte ich kehrt und schwamm zurück.
„Heute kein Ausflug nach Bikini Bottom?”, fragte Karl.
„Fühl mich wie ein Lachs in Salzkruste”, sagte ich . Ich legte mich hin und wand mich auf dem Handtuch. Es tat sehr weh.
„Gehen wir?”, frage Sylvia.
Ich hatte nichts dagegen. Karl sagte nichts. Wir kauften uns grüngelbes Eis am Kiosk. Als wir heimkamen, duschte ich zuerst. Sylvia und Karl standen in der Küche, tranken Wasser und aßen Weintrauben. Ich ging ins Schlafzimmer, legte mich ins kühle Bett und las in Hemingways 'Fiesta' die Stelle mit dem Weinflaschen im kalten Bach. Ich döste und erschrak, als Sylvia hereinkam. Sie schloß leise die Tür und nahm das Handtuch ab. Dann stellte sie sich vor den Spiegel, zog den Badeanzug aus und cremte ihren Bauch und die Beine ein. Ich nahm die Decke und las weiter.
„Was für eine witzige Idee”, sagte ich.
„Welche Idee?”, sagte sie.
„Zu dritt in den Urlaub zu fahren.”
„Mh.”
„Oder?”
„Ist doch nett, finde ich.”
„Was tut er?”
„Ich glaube, er telephoniert.”
„Großartiger Mensch, aber leider verliebt. Mit wem telefoniert er?”
„Wieso sagst Du 'großartiger Mensch'?”
„Ist doch so, oder?”
„Hat jemand etwas anderes behauptet?”
„Ich weiß es nicht. Wir sollten uns nicht zu sehr einmischen.”
„Einmischen…auf andere Gedanken kommen soll er.”
„Er verbirgt alles. Ich merke, dass er traurig ist.”
„Was Du alles ahnst.”
Ich war nicht glücklich. Sylvias Spott traf mich. Es war meine Idee gewesen, Karl einzuladen und Sylvia hatte vielleicht nur aus Gutmütigkeit zugestimmt und wiel sie mir vertrauen wollte. Karl unternahm Versuche, uns nicht zur Last zu fallen, schlug vor, ihn zurückzulassen oder zu zweit auszugehen, es sei unser Urlaub, er wolle vielleicht nach einer Woche weiterreisen, noch weiter nach Süden. Die Stimmung war gedrückt bis oberflächlich heiter. Zwei der drei Wochen lagen noch vor uns. Sylvia setzte sich auf meine Seite des Betts, kämmte sich das Haar und band es hinten zusammen. Der schwarze Pferdeschwanz streifte ihre noch ganz weißen Schultern. Dann cremte sie sich Gesicht und Hals sein.

Eine halbe Stunde später ging ich hinaus. Das Radio lief. Ein Zettel lag auf dem Esstisch.
„BIN NOCHMAL ANS MEER. BIS HEUTE ABEND.”
Er war erwachsen, aber ich nahm den Zettel und zeigte ihn Sylvia.
„Was will er am Meer?”, fragte sie. Wenig später erschien Karl mit zwei vollgestopften Plastiktüten und einer Baseballkappe, die die Aufschrift 'Florida Boy' trug.
„Hey, ihr zwei”, sagte er laut und lächelte.
„Hey, na also”, sagte Sylvia, „Sind Sie der Koch?”
„Signora.”

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Das noch | 2 Kommentare (2 inhaltlich, 0 redaktionell, 0 versteckt)
Hallo Nils! (keine/0) (#1)
von Felizitas Arneth
verfasst am 3.2.2010 um 11:13:04

Sollen wir uns nensch teilen? Grins!



Super Idee (keine/0) (#2)
von Nils Schöner
verfasst am 3.2.2010 um 20:02:05

Bin dabei - als stiller Teilhaber. Ich wollte erstmal Pause machen mit Posten. Werde wieder vorbeischauen, wenn ich 91 bin. Hä, hä.

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Das noch | 2 Kommentare (2 inhaltlich, 0 redaktionell, 0 versteckt)

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