nensch - Ehrlich währt. Dem Homo sapiens fehlt, was anderen Tieren eigen ist: die Tötungshemmung gegenüber der eigenen Gattung. Wir sind Geschöpfe, deren archaische Erbschaft wohl unüberwindlich bleibt.
[Günter Kunert, "Die Zukunft der Gewalt" [Die Zeit 01/2002]]
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Zukunftspläne (Tagebücher)
Tagebuch von Doris Klöden, veröffentlicht am 4.12.2009 um 15:25:01

Ich weiß nicht, was dich verrate hat. Eine Spur zu viel Breitbeinigkeit? Eine Spur zu viel Scheinheiligkeit?
 

Betrügst du mich?
Und wenn?
Und wenn was?
Na, was wäre, wenn ich dich betrügen würde?
Das wirst du schon sehen!
Soll ich?
Sollst du was?
Dich betrügen?
Spinnst du?
Hab schon!

Nun steh ich mit gepackten Koffern an der Tür, du vor mir. Was du nicht weißt, ich habe deine Sachen gepackt und nicht meine. Ich hänge an nichts mehr. Von mir aus kannst du in meinen Röcken die nächsten Schnallen aufreißen, mir egal! Deine Sachen werde ich verbrennen. Oder verkaufen. Auf einem Trödelmarkt. Oder im Koffer an den Meistbietenden bei ebay. Geh doch, hast du gesagt. Gut, fein, hab ich da geschrien und jetzt frage ich mich, warum ich eigentlich gehen muss.
Bestimmt teilt mir meine Mutter nächste Woche mit, dass du ihr die Ohren vollgewinselt hast, von wegen ich vermisse sie, sag mir, wo sie steckt, kannst du ein gutes Wort für mich einlegen und so. Meine Mutter wird dir darauf nur sagen: Du heulst wie ein Mädchen, lass dir Eier wachsen und kauf dir eine Hose.  Aber meine Mutter ist nicht vulgär. Und sie wird ein gutes Wort für dich einlegen. Ich hätte überreagiert und man müsste hinterher reden. Scheiße! Kein Wort will ich mehr mit dir reden!

Ich hab dich nie betrogen, aber du hast mich herausgefordert mit deiner Fragerei. Diese Eifersucht ist echt ungesund.
Ja, ungesund für dich, denn ab sofort wird dir der Schwanz abfrieren in meinen Minis! Vollidiot! Zieh dir Schlüpfer an, wenn du vor die Tür gehst!

In einer Woche wird meine Mutter anrufen und mir sagen, dass du nicht nach mir gefragt hast. Deine Sachen liegen immer noch in meinem Hotelzimmer und abends heule ich in deine Shirts.

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· Tagebuch von Doris Klöden

Zukunftspläne | 9 Kommentare (9 inhaltlich, 0 redaktionell, 0 versteckt)
Tag 4 (keine/0) (#1)
von Doris Klöden
verfasst am 8.12.2009 um 09:54:07

Ich wollte mit dir alt werden, weißt du? Heute tröstet mich der Gedanke, dass ich dir wohl nie beim Sterben zuschauen muss.



Ach, Klöden. (keine/0) (#2)
von Hans-Joachim Griebe
verfasst am 8.12.2009 um 22:49:51

Im Traum wäre mir nicht eingefallen, dass ich Ihnen jemals den Rat zu geben hätte: Finger weg von der Tastatur, solange es weh tut! Für den nichts als aktuellen Schmerz haben Sie und ich doch die guten alten Schreibehefte mit den Linien und unseren Lieblingsfüller. Sie wissen schon: Die Hefte in jener Schublade, die nicht einmal die Putze aufmachen darf, obwohl sie ansonsten alle unsere schmutzige Wäsche wäscht.
Meine Mail-Adresse kennen Sie ja.

[ Bezug ]


Ich zähle nicht mehr mit. (keine/0) (#3)
von Doris Klöden
verfasst am 19.12.2009 um 11:31:19

Ich habe gestern mehrmals versucht, dich anzurufen. Handy, Rufnummernübermittlung raus, Nummer gewählt, klingeln lassen. Du gehst ran. Hallo? Du mieses Stück Dreck, Hurenbock, dein Perlweißlächeln soll dir aus dem Gesicht fallen und zwar für immer, Vollidiot! Hallo? Auflegen. Alles wieder nur gedacht, kein Wort rausbekommen. Musste der Sekretärin die neue Adresse mitteilen, denn ich wohne noch immer im Hotel. Die Absteige ist ein echt vergammeltes Loch. Ich schlafe in der Bettwäsche meines Vormieters, der eine bunte Mischung an Körpergerüchen gesammelt hat. Ronja kannte die Adresse, machte große Augen und sagte, ich solle mir meine Gehaltsabrechnung monatlich selbst bei ihr abholen. Ich habe genickt und nicht gefragt, woher sie das Hotel kennt. Nun teilen wir beide ein Geheimnis des anderen. Ob ich ihr von meiner Trennung erzähle? Ob mich Geheule ihr näher bringt?
Meine Mutter hat nicht angerufen, sie hat dich nicht lobend erwähnt und mich auch nicht aufgefordert, mich zusammen zu reißen. Sie hat meine Handynummer nicht und weiß auch nicht, dass ich derzeit im Hotel lebe. Zieh doch wieder zu mir, wo wäschst du denn deine Wäsche, wir dachten ja, du wärst endlich angekommen. Sie spricht immer in der Mehrzahl von sich. Aber Papa lebt schon seit 2 Jahren nicht mehr. Sie wäre jetzt in einem Alter, in dem man sich das nicht mehr abgewöhnt. Ok? Ja.

Ich überlege schon seit Tagen, ob ich dir ein Telegramm zukommen lassen, vielleicht direkt bei dir auf Arbeit. Da steht dann meine neue Adresse drin und ein Postfach, wohin du mir meine Post schicken kannst.
Warum hast du eigentlich unser geordnetes Leben behalten?



Schluss jetzt, Klöden! (keine/0) (#4)
von Hans-Joachim Griebe
verfasst am 20.12.2009 um 23:40:43

Nichts mehr auf nensch. Wenn Sie meinen, hier bis zum 18. April 2010 noch irgend etwas von Ihren Klebrigkeiten absondern zu müssen, lernen Sie den Griebe kennen, den selbst eine Ursi am Ende nicht ertragen konnte.
Rufen Sie an, wenn Sie wollen. Aber lassen Sie das mit dem Selbstmitleid. Er ist weg. Das ist eine Sache, die man mit seinem Kopfkissen ausmacht.
Unöffentlich.

 

[ Bezug ]



18.4.2010 (keine/0) (#5)
von Doris Klöden
verfasst am 21.12.2009 um 00:11:44

Das wird eine echte Herausforderung. Wenn ich das nur bis dahin durchhalte....oh Gott! Ich bin ja im Schreiben nicht so irre konstant. Ich plane ja eine Reunion, klebrig soll sie sein und wild und....aber vom Plot her muss es mächtig gegen den Baum gehen. Dramatisch mit jeder Menge Klischees und so. Es muss wie ein We-are-family-Drehbuch aussehen.

Mail gelesen?

[ Bezug ]



Amüsiert (keine/1) (#6)
von Felizitas Arneth
verfasst am 21.12.2009 um 09:24:58

lese ich hier Gs Kommentare: Er hat sich scheinbar darin verbissen, hier einen Tagebucheintrag zu lesen, der ebenso gut eine „Erzählung” sein kann.
Ich hatte es von Anfang an als solche verstanden.
Denn selbst, wenn nicht…?!?

Es bleibt dann eventuell die Frage, warum nicht in die Abstimmung.



Was wäre, (keine/0) (#7)
von Doris Klöden
verfasst am 21.12.2009 um 10:26:57

wenn es eine Erzählung wäre, G. sie als genau diese verstanden hat und einfach nur mitspielt? Den „Fotorealismus” mitmacht? (Und selbst wenn das nicht der Reaktionsgrund war: Griebe hat doch ein Recht, zu reagieren und sich auch notfalls zu verbeißen. Ich halte das schon aus. Ganz ehrlich mag ich es sogar, wenn sich Griebe verbeißt. Vielleicht schafft er es ja damit bei mir, den Text doch noch zu lieben. Im Moment eint uns an der Oberfläche das Missfallen des Textes, nur die Gründe sind unterschiedliche.)

Warum nicht in die Abstimmung? Ein Text, der vorgibt, Schicksal zu sein, verbietet sich von selbst in der Abstimmung. Ich würde z.B. niemals über die Qualität meines Lebens abstimmen lassen. So viel Autorität gebe ich niemandem in die Hand. Und die Stilfrage zu stellen....also, weißt du, das mach ich an anderer Stelle.

Kunst ist Spiel. Spiel mit den Perspektiven, mit eigenen und fremden Standpunkten, vielleicht auch ein Spiel mit Geschichten. Kunst kann Pseudorealität erzeugen, einen neuen Raum schaffen, der echt ist und real, aber genau dadurch verfremdet. Das hat nichts mit der Matrix zu tun! Kunst stellt wieder die Frage: „Na, gefalle ich dir?”, das aber nicht aus der Dekorationsperspektive heraus, sondern immer mit dem Blick auf die eigene Existenz des Rezipienten. Die Betonung liegt auf dem „dir” und nicht mehr auf dem „ich”. Und über gewisse Eitelkeiten ist die Kunst schon lange hinweg gekommen. Sie ist jetzt erwachsen und trägt am liebsten Jogginganzüge. Gefällt dir das?

[ Bezug ]



Wenn - Dann. (keine/0) (#8)
von Felizitas Arneth
verfasst am 21.12.2009 um 16:15:48

Die letzte Frage zuerst: Nein. Das gefällt mir nicht.
Vielleicht gerade noch, dass die
Kunst am liebsten Jogginganzüge
trägt.
Als Gedanke gefällt mir das.
Als Folgerung aus „BlablaEitelkeiten” und „Blablaerwachsen” nicht.
Aber „gefallen” ist subjektiv. Muss also nicht.
Auch die Betonung gefällt mir nicht. Subjektiv.
Auch
Kunst ist Spiel
gefällt mir nicht. So singulär zumindest.

Dass hier über Lebensqualität abgestimmt wird, wusste ich nicht. Das ist mir neu. Aber tut gut, das nun auch zu wissen.
Und neu ist mir auch, dass Texte, die vorgeben Schicksal zu sein, sich verbieten. Gegenseitig?

Schließlich der Anfang: Was wäre wenn?
G hat jedes Recht, sich zu verbeißen. Auch ich mag das - manchmal.
Ich hatte keinen Zweifel daran, dass Du das aushältst.
Nur ich habe es wohl nicht ausgehalten und mir das Recht genommen, amüsiert zu sein und den Text auf meine Art zu verstehen und ebenfalls Reaktion auf das „Gesamtkunstwerk” zu zeigen.

[ Bezug ]



Titelzeile (keine/0) (#9)
von Doris Klöden
verfasst am 28.12.2009 um 19:58:58

Das erste Weihnachten ohne dich. Bei meinen Eltern. Jetzt musste ich alles erzählen und zwar haarklein.
Warum hat er dich denn verlassen?
Ich habe ihn verlassen.
Ja, und warum?
Weil er mich betrogen hat.
Er hat dich betrogen? Das kann ich mir gar nicht vorstellen!
Ja, er hats gesagt!
Du, das hat er bestimmt nicht so gemeint!
Und ob, sonst wär ich doch nicht gegangen!
Du reagierst total über! Warum wirfst du denn alles weg! Kennst du sie?
Nein!
Woher willst du dann wissen, ob er dich betrogen hat?
Er hat es gesagt, Herrgott nochmal!
Und das glaubst du?

Schweigen.

So warst du mit dabei. Ich hab geheult, Mama hat geheult, Papa hat ins Kaminfeuer gestarrt und beide waren böse auf mich. Ich würde doch nie wieder so schnell einen finden, der sein Leben mit mir teilt. So einfach wäre ich ja nun auch wieder nicht. Sie könnten dich ja adoptieren, hab ich gesagt und den Rest des Abends war stille Nacht. Vergeben solle ich dir, es ist ja Weihnachten. Und im Hotel leben wäre ja auch irgendwie unwürdig.
Es ist nichts besser geworden. Die Zeit streicht nur die Wunden glatt. Wie eine zerknitterte Tischdecke komme ich mir vor, aus der man schon zig Mal versucht hat, die Flecken heraus zu waschen, aber es geht immer nur mehr Farbe aus der Tischdecke raus und die Flecken werden immer deutlicher.



Zukunftspläne | 9 Kommentare (9 inhaltlich, 0 redaktionell, 0 versteckt)

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