Mittelwertbildung: Der Grundgedanke dahinter ist, dass ich keinen rationalen Grund finden kann, warum die Bewertungen anderer Menschen weniger gut und richtig als meine eigenen sein sollen. Selbst eine höhere Bildung oder Intelligenz feien mich nicht, ich mache dann halt andere Fehler, unterliege anderen Irrtümern und bin deshalb noch lange kein besserer Mensch. Grundsatz in der Demokratie (wir haben nichts Besseres): Ein Mensch, eine Stimme.
Sehen Sie, mir geht es umgekehrt: ich vermag keinen rationalen Grund dafür zu finden, warum die Bewertungen anderer Menschen weder besser noch schlechter als meine eigenen sein sollen. Eine höhere Bildung und Intelligenz lassen Sie in der Tat andere Fehler machen; gebildetere + intelligentere, wie man hoffen darf.
Was hat das Konzept des „besseren Menschen” übrigens damit zu tun? Ein Mensch, der besser (differenzierter; grundlegender; auch: spezialisierter) denken kann, ist natürlich nicht notwendiger Weise ein „besserer Mensch”; wenn Sie aber unter einem „besseren Menschen” auch einen verstehen wollen, der weniger Vorurteilen anheimfällt, weniger gewaltbereit ist und so weiter, dann können Intelligenz und Bildung doch immerhin die Voraussetzungen dafür schaffen, ein „besserer Mensch” zu sein.
Der Rede vom besseren Menschen, den es nicht geben sollte, weil wir ja alle in einer Demokratie leben, der bekanntlich besten aller möglichen Tyranneien, scheint mir ein Missverständnis der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten zu Grunde zu liegen: aus All men are created equal ist in den Köpfen der Leute all men ARE equal geworden; und daraus wieder die empörte Forderung nach dem, was man früher Konformität genannt hätte.
Wenn irgendwo ein Kopf herausragt aus dem Rübenkraut: Rübe ab!
Das ist das, was mit Demokratie ursprünglich nicht gemeint war, obwohl Tocqueville solcherlei Entwicklungen recht früh beschrieb; früh genug, sollte man meinen.
Ein Mensch, eine Stimme ist, ich stelle das unverwundert fest, schon wieder ein quantitatives Prinzip; seit wann aber überlassen wir es der Quantität, den Masstab für Qualität zu setzen? (An prä-posthistorischen Wänden stand einmal: Fresst Scheisse, Tausende von Fliegen können nicht irren. Haben wir wirklich nichts Besseres?
Moral: Moral ist kein apriori Wert, sondern kontextabhängig, sonst würden sich die Auffassungen nicht im Verlauf der Geschichte, von Land zu Land und Person zu Person ändern. Eine einzige und ewig gültige Moral gibt es nicht. Es ist deshalb vergeblich, einem anderen vorzuwerfen, er hätte keine Moral, handele unmoralisch. Ein Beispiel: Wenn ein Mensch einen anderen foltert, dann nützt ein Hinweis auf seine schlechte Moral nichts. Ich habe außer der Möglichkeit wegzusehen, nur zwei Optionen: Entweder ich finde gute Gründe, warum es für den Folterer besser ist, anders zu handeln (das ist Kommunikation), und überzeuge ihn damit, oder ich wende Gewalt an (was ebenfalls eine Form von Kommunikation ist). Ich handle nicht, weil ich glaube, moralisch besser zu sein, sondern weil ich aus rationalen Gründen der Meinung bin, dass es für die Mehrheit der Beteiligten, für die Zukunft und letztendlich auch für mich selbst so besser ist. „Du hast keine Moral” ist ein Totschlagargument, das nichts begründet und einen anderen nicht überzeugt.
Welches wären denn Ihre guten Gründe, den Folterer zu überzeugen, nicht zu foltern und warum wollen Sie das überhaupt tun, wenn Sie keine Moral (http://de.wikipedia.org/wiki/Moral ) haben?
Dass es keine einzige und ewig gültige Moral gibt, besagt nicht, dass es überhaupt keine gibt; und ob es tasächlich keine allgemeingültigen moralischen Werte gibt, darf immerhin rechtlich + füglich bezweifelt werden: wo auf der Welt und wann auf der Welt galt es innerhalb einer Gemeinschaft als moralisch, zu morden, zu stehlen, zu lügen und zu foltern? Den Fortschritt der Moral hat doch eher ausgemacht, dass solche moralischen Prinzipien über die Grenzen der Gemeinschaft (des Stammes, der Ethnie, des Staates, der Religionsgemeinschaft) hinausgetragen wurden und also auch für jene gelten sollten, die nicht Nächste waren?
Dass Moral kein Wert a priori ist, ist zum Beispiel, soviel ich weiss (aber leider weiss ich eben nicht genug, also lass ich mich gerne belehren) von der evolutionären Erkenntnistheorie bezweifelt worden?
Und selbst gesetzt, Moral sei kein a priorischer Wert: was soll das beweisen? Natürlich wäre der schlichte Hinweis an den hautköpfigen Typen mit den weissen Schnürsenkeln: Ej, Alter, du handelst da unmoralisch, ej! eher weniger wirksam und das meinte ich auch nicht; der Hinweis auf die Moral besteht natürlich in der Einrede mit moralischen Gründen, deren bekanntester vielleicht das Was du nicht willst, das man dir tu… ist. Auch DAS ist Kommunikation.
Hingegen hier: "Entweder ich finde gute Gründe, warum es für den Folterer besser ist, anders zu handeln (das ist Kommunikation), und überzeuge ihn damit (…)" tritt natürlich eine Schwachstelle der Moral selbst zu Tage: ist es moralisch, Folter zu unterlassen, damit man selbst nicht gefoltert werde? Wie sieht es aus im Grenzgebiet zwischen Moral und Utilitarismus? Ist am Ende das Glück moralisch und die Zufriedenheit utilitaristisch? Ich frage ja nur.
"Ich handle nicht, weil ich glaube, moralisch besser zu sein, sondern weil ich aus rationalen Gründen der Meinung bin, dass es für die Mehrheit der Beteiligten, für die Zukunft und letztendlich auch für mich selbst so besser ist. " sagen Sie, und ich frage, ob moralisches Handeln davon abhängt, dass ich weiss, dass ich glaube „moralisch besser” (also gibt es das? Entweder man handelt moralisch oder man handelt nicht moralisch; ich kann mir nicht vorstellen, wie man mehr oder weniger moralisch handeln, geschweige denn SEIN können sollte) zu sein?
Aus rationalen Gründen, sagen Sie, aber Moral IST doch gerade rational. Nein? Gern dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung / Und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin machte sich Schiller über Kant lustig, der ausschliesslich das Handeln aus rationalen Gründen für ein moralisches halten wollte - Moral sei eben nicht Bauch, sondern Kopf. Salopp gesprochen.
Das war jetzt alles ziemlich off topic und verhoffentlicht kein Bericht aus der Fehlhalde…
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