nensch - Ehrlich währt. Der Mensch ist sich immer eine Hauptnebenabsicht, drum muß er sich ganz verleugnen, sonst erreicht er sich selber nicht, das lautet zwar ganz verkehrt und ist doch wahr.
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Glück und Zufriedenheit (Gesellschaft)
Essay von Ralf Poschmann, veröffentlicht am 29.10.2006 um 14:23:38

In der von der Süddeutschen Zeitung herausgegebenen Zeitschrift „Wissen” findet sich in der Ausgabe 12 (November / Dezember 2006) ein Interview mit Daniel Kahneman: „Glück durch Geld ist eine Illusion”. Daniel Kahneman hat 2002 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeit auf dem Gebiet der Prospect Theory erhalten. Eine der zentralen Fragen, die in dieser Theorie diskutiert werden, ist: „Warum treffen Menschen so oft völlig irrationale Entscheidungen?” - Gewissermaßen sein Gegenentwurf zum Homo oeconomicus. In dem Artikel in der SZ Wissen geht es aber nicht um seine Arbeiten zur Ökonomie, sondern um Glück und Zufriedenheit, und warum sich Menschen in ihrem Streben danach mit ihren falschen Erwartungen und Vorstellungen oft selbst im Wege stehen.  

Viele seiner Gedanken waren mir schon bekannt, einige sind aber doch neu und verblüffend. Einleuchtend war mir zum Beispiel, dass Menschen sowohl die positiven als auch die negativen Aussichten ihrer Handlungen bzw. dessen, was mit ihnen geschieht, überschätzen. Viele beneiden zum Beispiel andere, die mehr als sie selbst besitzen oder verdienen, oder bedauern andere, die ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat. Aber jede Änderung des eigenen Lebens hat für den Betroffenen nur eine kleine Zeit einen Neuheitswert:

Wer sich ein teures Auto „leistet”, wird sich nur kurze Zeit daran erfreuen, danach werden seine Gedanken beim Fahren nicht mehr um das (dann nicht mehr) neue Auto kreisen, sondern um die alltäglichen und aktuellen Dinge seines Lebens. Oder wer ein Bein verliert, wird sich nach der dadurch notwendigen Umstellung seines Daseins im Laufe der Zeit immer seltener mit der Zeit davor beschäftigen und den geänderten Zustand als den normalen empfinden. Einen besser bezahlten Job anzunehmen, lohnt sich aus der Glück-/ Zufriedenheitsperspektive nur, wenn der damit verbundene Mehraufwand nicht dauerhaft höher ist. Irgendwann ist der neue Job Alltag, die Freude über den Mehrverdienst ist weg, die längere Arbeitszeit oder der längere Arbeitsweg bleiben.

Neu für mich waren die von ihm gemachten Unterschiede zwischen den Begriffen „Glück”  und „Zufriedenheit”:

Nehmen wir verheiratete und geschiedene Frauen. Letztere sind häufig gut gelaunt, denn sie gehen seltener Tätigkeiten nach, die sie unangenehm finden. Das lässt sich mit der Tages-Rekonstruktions-Methode herausfinden, einer Art Tagebuch, in dem Probanden alle Tätigkeiten notieren und dazuschreiben, wie glücklich sie bei einer Beschäftigung waren. Demnach haben geschiedene Frauen mehr Glücksmomente. Dennoch bewerten verheiratete Frauen in Umfragen ihre generelle Lebenszufriedenheit höher.*

Was hier wie eine Einzelbeobachtung aussieht, dahinter scheint sich ein allgemeines Prinzip zu verbergen: Menschen, deren Leben einen „Sinn” hat, sind insgesamt zufriedener mit sich selbst und der Welt als andere, die das für sich selbst nicht so empfinden. Dabei scheint es nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, ob die Betreffenden in diese Rolle hinein gewachsen sind oder sie durch die Umstände dazu genötigt wurden, wie es zum Beispiel bei Menschen ist, die sich für ihre Familie aufopfern, oder ob es sich um ein vielleicht in den Augen Anderer ziemlich skurriles Hobby oder eine Macke handelt - entscheidend für die persönliche Zufriedenheit ist nur das Bild, dass sie von sich selbst haben.

Weil dieser Sinn für jeden Menschen anders aussehen kann, lehnt Kahneman folgerichtig einfache Rezepte zum Glück oder zur Zufriedenheit ab. Man kann als Leser aus dem Interview nur folgende „Tipps” entnehmen:

  • Da alle Dinge, mit denen man sich umgeben kann, sehr schnell ihren Neuigkeitscharakter verlieren und damit als Glücksquell versiegen, lohnt es sich nicht, nach ihnen zu streben. Eine stete Quelle von Neuem sind dagegen Kontakte zu anderen Menschen, Familie, Freunde, Bekannte. Kahneman selbst schlägt vor: Kauf dir keine Villa und kein tolles Auto. Fahr in den Urlaub, verschenke  Blumen, feiere Partys!
  • Man sollte sich auf die Dinge, die man tut, besser konzentrieren. Lieber weniger tun und dabei weniger ablenken lassen, effizienter haushalten mit der eigenen Aufmerksamkeit. Das schließt unter anderem ein, sich weniger von dem beeindrucken zu lassen, was andere haben oder tun.

----------

* Für mich ist die Methode, den Grad des Glücks oder der Zufriedenheit durch Befragungen der Betreffenden zu ermitteln, etwas unbefriedigend, weil diese, aus welchen Gründen auch immer, mogeln könnten. (Evolutionär) objektive Maßstäbe wären meiner Meinung nach (gut am Beispiel der verheirateten und geschiedenen Frauen): Der Gesundheitsgrad, die Lebenserwartung, die Zahl der Enkel. (Nicht der Kinder, weil sich in den Enkeln besser manifestiert, ob der Lebensstil der Eltern von den eigenen Kindern als zufrieden-stellend empfunden wurde).

 

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Glück und Zufriedenheit | 33 Kommentare (33 inhaltlich, 0 redaktionell, 0 versteckt)
Wenn dieses Thema (keine/0) (#1)
von Thea Döring
verfasst am 29.10.2006 um 12:42:40

nicht nahezu jeden angeht, welches dann? Klar, der Weltfrieden betrifft uns auch alle, aber …

Ein sicheres Rezept für eine fruchtbare Diskussion?

Hoffentlich.

+T



Na, Gott sei Dank! (keine/1) (#2)
von Hildegard K. Thies
verfasst am 29.10.2006 um 14:26:19

Ihre Stimme (1) wurde gewertet.
Dieser Beitrag hat momentan eine Gesamtpunktzahl von 8.
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Der Beitrag hat mit Hilfe Ihrer Stimme den Grenzwert erreicht und erscheint nun als Leitartikel.

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Dear Poschmann (keine/0) (#3)
von Willi Wamser
verfasst am 29.10.2006 um 15:22:58

Dein Beitrag regte den Poeten Berthold Bräsig  
zu einem  Kleinwerk an, einem Epigramm fast.

In seinen  wenigen Zeilen
mag erkennbar aufschimmern, was „Zufriedenheit”
(happiness, beatitudo, eudaimonia) heißt.
„Zufriedenheit” fernab von klimaxsüchtiger,
rasch abschwellender Euphorie.

Mein Kater Köhler und ich
sind meist sehr schlecht
bei  unserem Geschäft.
Ihm kommt es dabei eher auf
die Mäuse an. Mir eigentlich
auch.

Gewiss trägt „Zufriedenheit” uns Menschen   zuverlässiger durch´s  Leben,
da  sie uns ja gegen allzu hohe Erwartungen und die damit einhergehenden
Erwartungsenttäuschungen feit und wappnet.

[ Bezug ]



interessant (keine/1) (#4)
von Frank Sommer
verfasst am 30.10.2006 um 01:13:56

Also, eins vorweg, die „Tipps” erscheinen mir sehr pragmatisch und koennten aus jedem beliebigen billigen Lebensratgeber stammen. (Ich gebe zu, ich hab noch nie einen solchen gelesen, aber so in etwa stelle ich mir die Handbuecher zum Gluecklichwerden fuer 7.90 € vor.) Aber nun zum (wirklich interessanten) Inhalt.

Dass Glueck und Zufriedenheit zwei verschiedene Sachen sind, leuchtet. Glueck ist, wie Unglueck auch, eine deutliche Abweichung vom alltaeglichen Rauschen. Klar, dass man dies nicht staendig haben kann, und ein „ewiges Glueck” wuerde man wohl aus diesem Grunde auch gar nicht im Stande sein zu empfinden. Zufriedenheit hingegen kann durchaus ein latenter Zustand sein. Ob dieser allerdings bei unverheirateten Frauen haeufiger ist als bei verheirateten, wage ich zu bezweifeln. Denn bei Zufriedenheit geht es, zumindest nach meinem Verstaendnis davon, nicht um die Frequenz gluecklicher Momente, sondern um ein angenehmes Wohlbefinden, die Freiheit von Aengsten, Schmerzen und Zweifeln. (Gefuehlte) gesellschaftliche Akzeptanz, finanzielle Sicherheit, familiaere Geborgenheit spielen hierbei eine ebenso grosse Rolle wie subjektive Empfindlichkeiten (Hunger, Kaelte, Wetter) und nicht zuletzt gesellschaftliche Ereignisse. Bekannt ist, dass die Selbstmordrate in der Vorweihnachtszeit steigt, erstaunlich fand ich, dass sie auch anstieg, nachdem sich Lady Di um den Pfeiler gewickelt hat, wie hier zu lesen ist. Nun ja, wenn wir mal unterstellen, dass sich zufriedene Menschen in der Regel nicht suizidieren, muessen wir annehmen, dass Zufriedenheit an anderen Massstaeben gemessen werden sollte als an der Anzahl der Gluecksmomente unverheirateter Frauen.

Btw., die Erhebung der Enkelzahl finde ich witzig, aber nicht schluessig. Irgendwie kann ich da keine Aussagekraft herleiten.



Anders herum! (keine/0) (#5)
von Ralf Poschmann
verfasst am 30.10.2006 um 10:36:36

Verheiratete sind zufriedener, weil sie mehr Aufgaben zu erledigen haben, sie schaffen also etwas für andere. Während dieser Tätigkeit empfinden sie allerdings häufiger Unlustgefühle, das ist der Widerspruch zwischen Glück und Zufriedenheit. Meine These: In unserer immer stärker individualisierten Gesellschaft führt das Streben, sich kurzfristige Glücksmomente zu verschaffen, nicht dazu, dass die Menschen mit ihrem Leben zufriedener als früher sind.

Auf das Kriterium mit der Lebenserwartung bin ich übrigens gekommen, weil bekannt ist, das verheiratete Männer so um die vier Jahre länger als unverheiratete leben, ob Ähnliches auch für Frauen gilt, kann ich nicht sagen. Wie immer bei solchen Zahlen weiß man nicht recht, was Ursache und was Wirkung ist. Ob Unverheiratete sich mehr gehen lassen, oder ob ein höherer Asozialitätsgrad mancher Menschen dauerhafte Partnerschaften verhindert. Und dann haben regelmäßige Kirchgänger eine höhere Lebenserwartung als Atheisten, auch eine bemerkenswerte empirisch gewonnene Aussage.

Bei dem Kriterium der Enkelzahl als Maß hatte ich folgende Idee im Kopf: Eine höhere Kinderzahl ist, wenn man der Kahnemanschen Logik folgt, mit weniger Glücksmomenten aber höherer Zufriedenheit der Elterngeneration verbunden. Wenn das Leben in einem zufriedeneren Sozialverband auch von den Kindern als zufrieden-stellend und erstrebenswert empfunden wird, dann sollte es auch in der nachfolgenden Generation so weitergehen. - Natürlich muss man hier genau aufpassen, welche Familien man miteinander vergleicht. Außer einem ausgeglichenen und zufriedenen Leben kommen auch mangelnde Kenntnisse über Verhütungsmethoden (und eine daraus folgende kaninchenhafte Vermehrung) in Frage.


[ Bezug ]



Lebenserwartung (keine/0) (#9)
von Michael Oltmanns
verfasst am 31.10.2006 um 09:45:56

Irgendwo las ich kürzlich, dass Männer um so länger leben, je höher die Häufigkeit sexueller Kontakte ist. Vielleicht ist die Wahrscheinlichkeit auf Sex in einer Ehe einfach höher?

[ Bezug ]


Der Studien (keine/0) (#11)
von Ralf Poschmann
verfasst am 31.10.2006 um 10:24:26

gibt es viele. Zum Beispiel sollen Männer, die in (Mönchs)Klöstern leben, eine Lebenserwartung haben, die nur ein Jahr unter der von Nonnen liegt. Zumindest der Theorie nach sollten Mönche überhaupt keinen Sex haben, sich noch nicht mal selbst befriedigen. Die Lebenserwartung der Nonnen liegt nur unwesentlich über dem Durchschnitt aller Frauen. Wenn man dieses Ergebnis in einigen Sätzen zusammenfassen sollte, dann vielleicht so:
  • Für Männer ist das Familienleben schädlicher als für Frauen.
  • Wenn Männer in größeren Gruppen zusammenleben, dann sollten sie dreimal am Tag beten.  


[ Bezug ]


naja (keine/0) (#31)
von Inge Hoffmann
verfasst am 15.3.2007 um 16:23:32

Gleich lese ich mir lieber noch mal den ganzen Thread durch. Ich wundere mich ein bisschen darüber, dass sich hier noch niemand über diesen Hausfrauen-Mist echauffiert hat. Mache ich das eben!

Wieso, bitte schön, sollen denn Verheiratete mehr als Unverheiratete für andere tun? Das stinkt doch zum Himmel, und zwar stinkt das nach den drei Ks, die der Damenwelt nahegelegt werden. Die Frau soll sich bitte Kindern, Küche und Kirche aufopfern, dann ist sie zufriedener. Die dämliche unverheiratete oder gar geschiedene Frau denkt halt einfach nur, dass sie glücklich ist?!

Eva Hermann soll meine Küche putzen!

[ Bezug ]



Neues Glück? (keine/0) (#6)
von Rainer Müllan
verfasst am 30.10.2006 um 11:26:58

Ich verstehe den Zusammenhang zwischen Glück und Neuem nicht. Warum soll mich nur etwas das relativ neu ist glücklich machen? Meine Freunde machen mich glücklich, ich bin gerne mit ihnen zusammen, aber ich kenne sie mitunter ein halbes Leben lang. Die Sonne scheint "jeden" Tag, trotzdem kann ich sie immer wieder genießen und mich an ihr erfreuen. Ein Buch lese ich gerne mal wieder, Musik hört man öfter als ein Mal...

Leider zur Abstimmung zu spät gekommen.



Neu (keine/0) (#7)
von Ralf Poschmann
verfasst am 30.10.2006 um 18:21:33

Deine (alten) Freunde bringen dir jedesmal neue Gedanken, Erlebnisse, Anregungen, etc. Die (alte) Sonne und das alte Buch machen dich nicht aufs Neue glücklich, sondern zufrieden. Die Sonne macht dich erst glücklich, wenn es eine Ewigkeit naß und kalt war, dann ist sie nämlich eine Abwechslung, etwas Ungewohntes, Neues. ;-)

[ Bezug ]


Na, na. (keine/1) (#8)
von Rainer Müllan
verfasst am 30.10.2006 um 19:22:15

Dem will ich energisch widersprechen: meine Freude machen mich glücklich, weil sie sind wie sie sind, nicht weil sie Neues von sich geben; nicht (nur) die Erlebnisse mit meinen Freuden sind mein Glück, nein, es ist ihre Person die ist wie sie ist und die sich um himmelswillen ja nicht ändern soll. Genau die Änderung, das Neusein, ist an der Freundschaft obsolet (oder nicht erforderlich); das ist ja gerade das schöne an ihr. Zugespitzt formuliert: schon das Wissen dass meine Freund sind ist schön, alles weiter ist Draufgabe.

Es ist auch nicht der Wille unbedingt etwas Neues zu erfahren, der mich dazu treibt einen Roman noch einmal zu lesen, sondern, das Erlebnis das ich beim ersten Mal lesen hatte ist das ausschlaggebende. Nicht, dass ich nichts Neues erfahren will, aber das ist nicht (unbedingt) das primäre Movens, zumal ich nicht sicher weiß ob ich tatsächlich Neues entdecken werde.

Abgesehen davon ist doch das, was uns glücklich macht immer die Übereinstimmung mit dem Ist-Zustand, d.h. seine bedingungslose Akzeptanz. Das Wesentliche ist also ein bestimmter Zustand und der muss mitnichten unbedingt neu, oder noch nie da gewesen sein.

[ Bezug ]



Du lieferst doch (keine/0) (#12)
von Thea Döring
verfasst am 31.10.2006 um 14:40:29

die Antwort auf deine Frage/Zweifel Neues und Glück betreffend.

Alles, was du anführst, ist eben nicht neu. Gibt dir nicht den Kick nach aufregend-Neuem-Ungewöhnlichem. Beständigkeit fällt mir dazu ein. Diese Beständigkeit macht dich zufrieden?!

Bedingen Zufriedenheit und Beständigkeit einander? In welcher Reihenfolge?


[ Bezug ]



Ja. (keine/0) (#15)
von Rainer Müllan
verfasst am 31.10.2006 um 20:15:00

Deswegen verstand ich die Festlegung, dass nur Neues glücklich machen kann auch nicht. Ich fürchte fast - kleine Boshaftigkeit am Rande - dass mach einem Ökonomen eine solche Maxime gerade recht käme.
Bedingen Zufriedenheit und Beständigkeit einander?
Ja und nein. Neues kann glücklich (oder zufrieden machen). Altes bzw. beständiges ebenso.

[ Bezug ]


Weitere Denkanstösse (keine/2) (#10)
von Michael Oltmanns
verfasst am 31.10.2006 um 09:59:09

finden sich hier…

Besonders interessant finde ich, dass in der Deutschen Sprache der Begriff „Glück” für mehrere Bedeutungen steht, während in anderen Sprachen unterschiedliche Varianten verwendet werden.




Glückskeksbazar (4.50/6) (#13)
von Mirjam R. Kosewitsch
verfasst am 31.10.2006 um 16:40:32

Viele seiner Gedanken waren mir schon bekannt, einige sind aber doch neu und verblüffend. Einleuchtend war mir zum Beispiel, dass Menschen sowohl die positiven als auch die negativen Aussichten ihrer Handlungen bzw. dessen, was mit ihnen geschieht, überschätzen. Viele beneiden zum Beispiel andere, die mehr als sie selbst besitzen oder verdienen, oder bedauern andere, die ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat. Aber jede Änderung des eigenen Lebens hat für den Betroffenen nur eine kleine Zeit einen Neuheitswert:

Dass der Neuheitswert als Ursache für einen glückhaften Zustand hier ins Spiel gebracht wird, scheint mir doch eher etwas über gesellschaftliche  BeWERTungen auszusagen als über das Glück an sich, falls es das gibt; solange „progress our most important product” ist, fühlt sich der zum neuen Auto fortgeschrittene Mensch natürlich glücklich, und zwar nur genau so lange, wie der Neuheitscharacter des Produktes vorhält.

Mich erinnert das eher an materiell verwöhnte und emotional deprivierte Kinder unter dem Weihnachtsbaum, denen der Neuigkeitswert des Geschenkes der einzige ist, weshalb man sie anderntags zerbrochen unterm Sofa findet - die Geschenke, nicht die Kinder. (Oder?)

Was also eigentlich mit dieser Verknüpfung von „Glück” und „Neuigkeitswert” gesagt wird, ist, dass der Glückszustand in unserer Gesellschaft wenig mehr ist als ein Zustand kurzfristig befriedigter Gier („Haben, haben”), ein Glück das, da es sich eben auf das Aussen + auf das Neue richtet, notwendigerweise mit Verfallsdatum geliefert wird.

Das Ereignis „Kauf eines neuen Autos” mit dem Ereignis „Verlust eines Beines” zu vergleichen, erscheint mir problematisch bis zynisch; dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist, haben wir schliesslich schon gewusst, ebenso allerdings, dass schwere Schicksalsschläge ihre Wirkung durchaus nicht ihrem Neuigkeitswert verdanken; dass sie gerade im Gegenteil ertragen werden müssen auf Grund der Tatsache, dass sie eben nicht rückgängig zu machen sind; hier eilt dann, psychologisch gesehen, ein Verdrängungsmechanismus zu Hilfe, der jedoch das lebenslängliche, immer wieder aufwallende - immer wieder mit der anfänglichen Emotion verbundene - Gefühl des Unglücks nicht verhindert; der Verlust eines Kindes zum Beispiel verliert in diesem Sinne nie seinen „Neuigkeitswert”; so wie es auch Glücksursachen gibt, die mit solchen wie dem des Erwerbs eines neuen Autos kaum etwas mehr zu tun haben; die im Glück der Erfahrung mehr als im „Glück” des Konsums (mein Gott! Ja.) beruhen, im Sein mehr als im Haben und die Abraham Maslow „peak experiences” - Gipfelerfahrungen - nannte; solche Erfahrungen wirken aber persönlichkeitsverändernd beziehungsweise -erweiternd und erhöhen sozusagen das systemimmanente Glückspotenzial der Person, die Bereitschaft zum anlasslosen Glücksempfinden, das in Zukunft der Persönlichkeit als Stimmung innewohnt und von neuen Autos nicht gefördert und abben Beinen nicht gemindert werden kann. (Im letzteren und vergleicbaren Fällen wird diese Glücksbereitschaft die Form dessen annehmen, was man früher als „Freude im Leid” kannte und was in der Untersuchung bezeichnender Weise gar nicht erwähnt wird.)  

Wer sich ein teures Auto „leistet”, wird sich nur kurze Zeit daran erfreuen, danach werden seine Gedanken beim Fahren nicht mehr um das (dann nicht mehr) neue Auto kreisen, sondern um die alltäglichen und aktuellen Dinge seines Lebens.

Wer sich unter den heutigen Lebensbedingungen ein teures Auto leistet und sich daran erfreut, der ist mir moralisch suspekt. (Ich würde statt des neuen Autos - oder als Beigabe im Handschuhfach - die Minima Moralia von Adorno empfehlen.)
Gedanken, die von der Schwerkraft eines neuen Autos eingefangen werden können, scheinen sich mir einer gewissen Leichtigkeit des Seins zu erfreuen, die es eher wünschenswert macht, dass sie und das damit verbundene Glück nur von kurzer Dauer seien; das durch solche Gedankenhaltung evozierte sogenannte „Glück” ähnelt mir doch zu sehr einer oberflächlichen Geistesbeschmutzung (auch, wenn es sich um Zuckerflecken handelt.)

Wen sein Glück aber verlässt, weil seine Gedanken sich dem Alltäglichen, also den Bedingungen, unter denen er lebt, zuwenden, der hätte vielleicht Anlass, eben diese Bedingungen unter die Lupe zu nehmen und möglicherweise eine Art von Glück darin zu finden, dass er den Glücken, die sich vor dem Hintergrund der „alltäglichen und aktuellen Dinge seines Lebens” ereignen, gerade misstraut.

Oder wer ein Bein verliert, wird sich nach der dadurch notwendigen Umstellung seines Daseins im Laufe der Zeit immer seltener mit der Zeit davor beschäftigen und den geänderten Zustand als den normalen empfinden.

Das glaube nicht nur ich nicht. Not-gedrängte Gewöhnung ist etwas anderes, als einen Zustand als „normal” zu empfinden. Den Zustand der Krüppelhaftigkeit unter die Normalia einzuordnen, scheint mir eher der Wunsch einer Gesellschaft zu sein, die schon den Anblick, wie erst den Nachvollzug des Abweichenden schwer erträgt - einer Gesellschaft, die, um einen ihrer Neusprech-Ausdrücke zu gebrauchen und noch das Mindeste zu sagen, „emotional herausgefordert” ist.

Der Gedanke von der Normalität der Einbeinigkeit scheint mir eher ein weiterer kleiner Fortschritt auf dem Wege der Eliminierung von Leidzumutung seitens der Gesellschaft denn als Beschreibung innerseelischer Vorgänge; eher besorgt um die die Schaffung einer kollektiven Fiktion als um die Beschreibung einer individuellen Realität.

Einen besser bezahlten Job anzunehmen, lohnt sich aus der Glück-/ Zufriedenheitsperspektive nur, wenn der damit verbundene Mehraufwand nicht dauerhaft höher ist.

Was soll das sein? Eine Ökonomie des Glücks?

Irgendwann ist der neue Job Alltag, die Freude über den Mehrverdienst ist weg, die längere Arbeitszeit oder der längere Arbeitsweg bleiben.

Was hat Glück ursprünglich zu tun mit dem neuen Job, dem Mehrverdienst, kürzeren oder längeren Arbeitszeiten und so weiter? Glück hat etwas zu tun mit Sinn, und wenn ich meinem Job, meinem Alltag, meinem längeren Arbeitsweg (ist schon merkwürdig, wie hier der „längere Arbeitsweg” ausschliesslich unter ökonomischem Gesichtspunkt betrachtet wird. Ist ein längerer Weg denn notwendiger Weise ein schlechterer Weg? Mir scheint, hier geht es dauernd um Quantifizierungen und nicht um Qualifizierungen)einen Sinn abgewinnen kann, dann steckt das Glück gerade in dieser Sinnhaftigkeit und nicht in der Länge des Weges oder der Dauer der Arbeitszeit; die Frage bleibt allerdings, da ich Adorno nun schon einmal erwähnt habe, inwieweit „ein richtiges Leben im Falschen” möglich und inwieweit ein privates Kleinglück im grossen Unglück nicht notgedrungen oberflächlich und damit flüchtig bleiben muss und ob seiner den Blick aufs Menschliche vernebelnden Eigenschaften vielleicht auch oberflächlich und flüchtig sein sollte, denn nur unter diesen „schlechten” Auspizien falschen Glücks lässt sich auf eine Verbesserung derer, die die Zukunft des Menschlichen betreffen, möglicher Weise noch hoffen.

[ Bezug ]


Disclaimer (keine/1) (#14)
von Ralf Poschmann
verfasst am 31.10.2006 um 17:28:23

Vermutlich habe ich an einigen Stellen nicht sauber genug getrennt zwischen den Passagen, die ich aus dem Artikel übernommen habe und meinen eigenen Überlegungen. Und offenbar ist es mir auch nicht besonders gut gelungen, den Unterschied zwischen den beiden Begriffen Glück und Zufriedenheit herauszuarbeiten. Das als Disclaimer vorab.

Dass der Neuheitswert als Ursache für einen glückhaften Zustand hier ins Spiel gebracht wird, scheint mir doch eher etwas über gesellschaftliche  BeWERTungen auszusagen als über das Glück an sich, falls es das gibt;

So groß ist für mich der Unterschied da nicht, weil sich die Bewertung durch die Gesellschaft aus der Mittelwertbildung ihrer Mitglieder ergibt.

Das Ereignis „Kauf eines neuen Autos” mit dem Ereignis „Verlust eines Beines” zu vergleichen, erscheint mir problematisch bis zynisch;

Mein Fehler, das Zusammenziehen, im Interview lagen ein paar Passagen dazwischen. Aber die These als solche halte ich aus eigener Erfahrung für richtig. In der Pubertät und auch noch später hatte ich einen schweren Sprachfehler, einige Unzulänglichkeiten meiner heutigen Ausdrucksweise erinnern immer noch daran. Ich hatte damit aber weniger Probleme als andere, weil es für mich jeden Tag dasselbe ist. Aber für Leute, die mich neu kennengelernt haben, war es schwierig, wohin gucken, wie sich verhalten?

Wer sich unter den heutigen Lebensbedingungen ein teures Auto leistet und sich daran erfreut, der ist mir moralisch suspekt.

Auch wenn ich dem als Individuum zustimmen kann, muss ich doch hier anmerken, dass wir uns damit in einer Minderheitenposition befinden. Zudem ist ein moralisches Argumentieren meist ein von vornherein relativ nutzloses Unterfangen, wenn man andere Menschen in seinem Sinn beeinflussen will. Es lohnt sich, nach anderen Gründen zu suchen, die auch den zu überzeugenden Personen etwas bedeuten.

Was hat Glück ursprünglich zu tun mit dem neuen Job, dem Mehrverdienst, kürzeren oder längeren Arbeitszeiten und so weiter? Glück hat etwas zu tun mit Sinn, und wenn ich meinem Job, meinem Alltag, meinem längeren Arbeitsweg (ist schon merkwürdig, wie hier der „längere Arbeitsweg” ausschliesslich unter ökonomischem Gesichtspunkt betrachtet wird.

Zweifach Nein! Wenn man einen neuen Job gefunden hat, der einem zuvor angestrebte Vorteile bietet, dann freut man sich, das ist (ein vielleicht zeitweiliges) Glück. Wenn eine Aufgabe sinnvoll ist, dann muss sie einen nicht glücklich machen, aber sie kann als zufrieden-stellend empfunden werden, weil sie Sinn stiftet im eigenen Leben. Dieser Unterschied, den Kahneman im Interview zwischen Glück und Zufriedenheit gemacht hat, stellt für mich den neuen Aspekt seiner Überlegungen dar.  

[ Bezug ]



Vom Glück der Mittelmässigkeit? (keine/2) (#17)
von Mirjam R. Kosewitsch
verfasst am 1.11.2006 um 16:43:38

So groß ist für mich der Unterschied da nicht, weil sich die Bewertung durch die Gesellschaft aus der Mittelwertbildung ihrer Mitglieder ergibt.

Vielleicht verstehe ich Sie hier falsch, aber falls Sie die Mittelwertbildung irgendeiner Gesellschaft zum Masstab für irgendeinen WERT machen wollen (in einem nicht nur deskriptiven Sinne)- lassen Sie sich dann nicht auf eine Inflation der Begriffe ein?

In der Pubertät und auch noch später hatte ich einen schweren Sprachfehler, einige Unzulänglichkeiten meiner heutigen Ausdrucksweise erinnern immer noch daran. Ich hatte damit aber weniger Probleme als andere, weil es für mich jeden Tag dasselbe ist. Aber für Leute, die mich neu kennengelernt haben, war es schwierig, wohin gucken, wie sich verhalten?

Es gibt Glück, Unglück und Gewöhnung. Ja? Oder gibt es Glück und Unglück nur ohne Gewöhnung?
(Ist es nicht erstaunlich, an was wir uns seit dem Erdbeben von Lissabon alles gewöhnt haben, ohne deswegen besonders unglücklich zu sein? Und wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, Wasserhähne aufzudrehen und Heizungen und daran, beim Zahnarzt eine Betäubungsspritze zu bekommen, ohne deswegen besonders glücklich zu sein? Ist es nicht erstaunlich, wie abgestumpft wir alle sind, wie gleich-gültig?

Ich finde: Gewöhnung ist die Feile, die Glück und Unglück auf ein gleiches, erträgliches Mittelmass raspelt, das man Zufriedenheit nennt. Sie stumpft ab, ohne ihrerseits stumpf zu werden.

Zum Glück macht mich dieser Zustand (noch) unglücklich.

Auch wenn ich dem als Individuum zustimmen kann, muss ich doch hier anmerken, dass wir uns damit in einer Minderheitenposition befinden. Zudem ist ein moralisches Argumentieren meist ein von vornherein relativ nutzloses Unterfangen, wenn man andere Menschen in seinem Sinn beeinflussen will. Es lohnt sich, nach anderen Gründen zu suchen, die auch den zu überzeugenden Personen etwas bedeuten.

ad 1: Schöng. Die Minderheitenposition ist die einzige, in der man sich anständiger Weise befinden kann.

ad 2: Warum sollte ich jemanden in meinem Sinne beeinflussen wollen? Ich hielte das für ein ziemlich törichtes Unterfangen. Beeinflussen kann jeder letztlich nur sich selbst.

ad 3: Einverstanden, es lohnt sich. Andererseits: wo hört das mundgerechte Zuhapppensein der Argumentation auf, und wo fängt die Lüge an? Und: Was bedeutet mir jemand, dem die Moral nichts bedeutet?

Zweifach Nein! Wenn man einen neuen Job gefunden hat, der einem zuvor angestrebte Vorteile bietet, dann freut man sich, das ist (ein vielleicht zeitweiliges) Glück. Wenn eine Aufgabe sinnvoll ist, dann muss sie einen nicht glücklich machen, aber sie kann als zufrieden-stellend empfunden werden, weil sie Sinn stiftet im eigenen Leben. Dieser Unterschied, den Kahneman im Interview zwischen Glück und Zufriedenheit gemacht hat, stellt für mich den neuen Aspekt seiner Überlegungen dar.  

Ich könnte jetzt „Dreifach doch!” sagen, doch wozu? Zu bedenken geben möchte ich immerhin, dass ich eine weit engere Verbindung zwischen dem Sinn und dem Glück sehe als zwischen dem Vorteil, dem Neuen und dem Glück.

Vorteil und Neuwert sind relativ, entweder zur vorherigen Situation oder zur Zeit; beides entzieht sich meinem Einfuss mehr oder weniger, früher oder später. Der Sinn hingegen, den ich den Ereignissen meines Lebens beilege ist intrasubjektiv begründet, damit unabhängig vom Sich-Ereignenden, von dem mir Zustossenden; ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass beständiges Glück nur auf dieser Basis möglich ist; genauso, wie dieser Zustand inneren Glücks (und ich meine hier nichts rosarotes + watteweiches) der Abstumpfung entgegenwirkt, da sich das Individuum nicht mehr in einer Position der Angst und Selbstverteidigung befindet und also der teilnehmenden Beobachtung fähig ist, die ihrerseits die Voraussetzung für das Erleben ungefilterten + scharfen Glücks und Unglücks ist.

Zufriedenheit halte ich für eine Seelenlage (oder doch eher eine Gemütslage), die man im Hirn (oder Bauch?) des Löwen im artgerechten Gehege im Zoo vermuten könnte: die Tiere sind ganz zufrieden. (Zufrieden, zu Frieden; ein Wort das ja nicht umsonst etwas mit zu Frieden stellen, be-Frieden und so weiter zu tun hat; was aber hat ein Zustand, in dem man sich von sich selbst oder von anderen zu Frieden stellen, also ruhig stellen lässt, mit Glück zu tun?

Den Unterschied, den Kahneman zwischen Glück und Zufriedenheit macht, muss ich noch einmal nachlesen, aber nicht jetzt, jetzt bin ich in Eile!

[ Bezug ]



Um mich nicht zu verzetteln, (keine/1) (#18)
von Ralf Poschmann
verfasst am 1.11.2006 um 19:11:19

konzentriere ich mich nur auf wenige Punkte.

Mittelwertbildung: Der Grundgedanke dahinter ist, dass ich keinen rationalen Grund finden kann, warum die Bewertungen anderer Menschen weniger gut und richtig als meine eigenen sein sollen. Selbst eine höhere Bildung oder Intelligenz feien mich nicht, ich mache dann halt andere Fehler, unterliege anderen Irrtümern und bin deshalb noch lange kein besserer Mensch. Grundsatz in der Demokratie (wir haben nichts Besseres): Ein Mensch, eine Stimme.

Beeinflussung anderer: Das ist das primäre Ziel jeder Kommunikation. Warum schreibt man Texte und Kommentare oder redet mit anderen Menschen, wenn nicht mit dem Ziel, Dinge, die einem selbst wichtig sind, zu transportieren und andere zu überzeugen? Versuchen wir beide doch gerade gegenseitig ;-)

Moral: Moral ist kein apriori Wert, sondern kontextabhängig, sonst würden sich die Auffassungen nicht im Verlauf der Geschichte, von Land zu Land und Person zu Person ändern. Eine einzige und ewig gültige Moral gibt es nicht. Es ist deshalb vergeblich, einem anderen vorzuwerfen, er hätte keine Moral, handele unmoralisch. Ein Beispiel: Wenn ein Mensch einen anderen foltert, dann nützt ein Hinweis auf seine schlechte Moral nichts. Ich habe  außer der Möglichkeit wegzusehen, nur zwei Optionen: Entweder ich finde gute Gründe, warum es für den Folterer besser ist, anders zu handeln (das ist Kommunikation), und überzeuge ihn damit, oder ich wende Gewalt an (was ebenfalls eine Form von Kommunikation ist). Ich handle nicht, weil ich glaube, moralisch besser zu sein, sondern weil ich aus rationalen Gründen der Meinung bin, dass es für die Mehrheit der Beteiligten, für die Zukunft und letztendlich auch für mich selbst so besser ist. „Du hast keine Moral” ist ein Totschlagargument, das nichts begründet und einen anderen nicht überzeugt.

Gewöhnung ist die Feile, die Glück und Unglück auf ein gleiches, erträgliches Mittelmass raspelt, das man Zufriedenheit nennt. Sie stumpft ab, ohne ihrerseits stumpf zu werden.
Genau so ist es, ein gelungenes Bild. Das beantwortet auch ganz von selbst die Frage im letzten Abschnitt, was Glück und Zufriedenheit miteinander zu tun haben. Aber es erschöpft die Frage nach den Ursachen der Zufriedenheit nicht, hier hatte ich ja schon den von der zufriedenen Person in ihrem Leben gefundenen Sinn genannt. Im übrigen passt hier auch der zufriedene Löwe im art-gerechten Gehege. Wenn es seiner Art gerecht wird, warum sollte er nicht zufrieden sein? Genau wie wir, wenn unsere Umwelt menschen-gerecht ist? Ich kann keinen rationalen Grund erkennen.  

[ Bezug ]



Von Volksherrschaft, Utilitarismus + Zufriedenheit (4.00/4) (#24)
von Mirjam R. Kosewitsch
verfasst am 2.11.2006 um 15:47:54

Mittelwertbildung: Der Grundgedanke dahinter ist, dass ich keinen rationalen Grund finden kann, warum die Bewertungen anderer Menschen weniger gut und richtig als meine eigenen sein sollen. Selbst eine höhere Bildung oder Intelligenz feien mich nicht, ich mache dann halt andere Fehler, unterliege anderen Irrtümern und bin deshalb noch lange kein besserer Mensch. Grundsatz in der Demokratie (wir haben nichts Besseres): Ein Mensch, eine Stimme.

Sehen Sie, mir geht es umgekehrt: ich vermag keinen rationalen Grund dafür zu finden, warum die Bewertungen anderer Menschen weder besser noch schlechter als meine eigenen sein sollen. Eine höhere Bildung und Intelligenz lassen Sie in der Tat andere Fehler machen; gebildetere + intelligentere, wie man hoffen darf.

Was hat das Konzept des „besseren Menschen” übrigens damit zu tun? Ein Mensch, der besser (differenzierter; grundlegender; auch: spezialisierter) denken kann, ist natürlich nicht notwendiger Weise ein „besserer Mensch”; wenn Sie aber unter einem „besseren Menschen” auch einen verstehen wollen, der weniger Vorurteilen anheimfällt, weniger gewaltbereit ist und so weiter, dann können Intelligenz und Bildung doch immerhin die Voraussetzungen dafür schaffen, ein „besserer Mensch” zu sein.

Der Rede vom besseren Menschen, den es nicht geben sollte, weil wir ja alle in einer Demokratie leben, der bekanntlich besten aller möglichen Tyranneien, scheint mir ein Missverständnis der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten zu Grunde zu liegen: aus All men are created equal ist in den Köpfen der Leute all men ARE equal geworden; und daraus wieder die empörte Forderung nach dem, was man früher Konformität genannt hätte.

Wenn irgendwo ein Kopf herausragt aus dem Rübenkraut: Rübe ab!

Das ist das, was mit Demokratie ursprünglich nicht gemeint war, obwohl Tocqueville solcherlei Entwicklungen recht früh beschrieb; früh genug, sollte man meinen.

Ein Mensch, eine Stimme ist, ich stelle das unverwundert fest, schon wieder ein quantitatives Prinzip; seit wann aber überlassen wir es der Quantität, den Masstab für Qualität zu setzen? (An prä-posthistorischen Wänden stand einmal: Fresst Scheisse, Tausende von Fliegen können nicht irren. Haben wir wirklich nichts Besseres?

Moral: Moral ist kein apriori Wert, sondern kontextabhängig, sonst würden sich die Auffassungen nicht im Verlauf der Geschichte, von Land zu Land und Person zu Person ändern. Eine einzige und ewig gültige Moral gibt es nicht. Es ist deshalb vergeblich, einem anderen vorzuwerfen, er hätte keine Moral, handele unmoralisch. Ein Beispiel: Wenn ein Mensch einen anderen foltert, dann nützt ein Hinweis auf seine schlechte Moral nichts. Ich habe  außer der Möglichkeit wegzusehen, nur zwei Optionen: Entweder ich finde gute Gründe, warum es für den Folterer besser ist, anders zu handeln (das ist Kommunikation), und überzeuge ihn damit, oder ich wende Gewalt an (was ebenfalls eine Form von Kommunikation ist). Ich handle nicht, weil ich glaube, moralisch besser zu sein, sondern weil ich aus rationalen Gründen der Meinung bin, dass es für die Mehrheit der Beteiligten, für die Zukunft und letztendlich auch für mich selbst so besser ist. „Du hast keine Moral” ist ein Totschlagargument, das nichts begründet und einen anderen nicht überzeugt.

Welches wären denn Ihre guten Gründe, den Folterer zu überzeugen, nicht zu foltern und warum wollen Sie das überhaupt tun, wenn Sie keine Moral (http://de.wikipedia.org/wiki/Moral ) haben?

Dass es keine einzige und ewig gültige Moral gibt, besagt nicht, dass es überhaupt keine gibt; und ob es tasächlich keine allgemeingültigen moralischen Werte gibt, darf immerhin rechtlich + füglich bezweifelt werden: wo auf der Welt und wann auf der Welt galt es innerhalb einer Gemeinschaft als moralisch, zu morden, zu stehlen, zu lügen und zu foltern? Den Fortschritt der Moral hat doch eher ausgemacht, dass solche moralischen Prinzipien über die Grenzen der Gemeinschaft (des Stammes, der Ethnie, des Staates, der Religionsgemeinschaft) hinausgetragen wurden und also auch für jene gelten sollten, die nicht Nächste waren?

Dass Moral kein Wert a priori ist, ist zum Beispiel, soviel ich weiss (aber leider weiss ich eben nicht genug, also lass ich mich gerne belehren) von der evolutionären Erkenntnistheorie bezweifelt worden?

Und selbst gesetzt, Moral sei kein a priorischer Wert: was soll das beweisen? Natürlich wäre der schlichte Hinweis an den hautköpfigen Typen mit den weissen Schnürsenkeln: Ej, Alter, du handelst da unmoralisch, ej! eher weniger wirksam und das meinte ich auch nicht; der Hinweis auf die Moral besteht natürlich in der Einrede mit moralischen Gründen, deren bekanntester vielleicht das Was du nicht willst, das man dir tu… ist. Auch DAS ist Kommunikation.

Hingegen hier: "Entweder ich finde gute Gründe, warum es für den Folterer besser ist, anders zu handeln (das ist Kommunikation), und überzeuge ihn damit (…)" tritt natürlich eine Schwachstelle der Moral selbst zu Tage: ist es moralisch, Folter zu unterlassen, damit man selbst nicht gefoltert werde? Wie sieht es aus im Grenzgebiet zwischen Moral und Utilitarismus? Ist am Ende das Glück moralisch und die Zufriedenheit utilitaristisch? Ich frage ja nur.

"Ich handle nicht, weil ich glaube, moralisch besser zu sein, sondern weil ich aus rationalen Gründen der Meinung bin, dass es für die Mehrheit der Beteiligten, für die Zukunft und letztendlich auch für mich selbst so besser ist. " sagen Sie, und ich frage, ob moralisches Handeln davon abhängt, dass ich weiss, dass ich glaube „moralisch besser” (also gibt es das? Entweder man handelt moralisch oder man handelt nicht moralisch; ich kann mir nicht vorstellen, wie man mehr oder weniger moralisch handeln, geschweige denn SEIN können sollte) zu sein?

Aus rationalen Gründen, sagen Sie, aber Moral IST doch gerade rational. Nein? Gern dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung / Und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin machte sich Schiller über Kant lustig, der ausschliesslich das Handeln aus rationalen Gründen für ein moralisches halten wollte - Moral sei eben nicht Bauch, sondern Kopf. Salopp gesprochen.

Das war jetzt alles ziemlich off topic und verhoffentlicht kein Bericht aus der Fehlhalde…

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5 Punkte (keine/0) (#25)
von Frank Sommer
verfasst am 2.11.2006 um 16:26:09

Ich vergebe Bestnote, schon allein fuer die „intelligenteren Fehler”, sehr treffend.

Doch nun noch was anderes:
seit wann aber überlassen wir es der Quantität, den Masstab für Qualität zu setzen? Schon immer. Orwell schrieb in seinem 1984:"Geistige Gesundheit ist keine Frage der Statistik." Ein Spruch, der, weil ich ihn besser finde als den mit den Fliegen, an meiner Wand klebt. Nun mag man diesen Spruch sicherlich als eine Alibiausrede fuer alle Gestoerten bezeichnen, und ich stelle jedem frei, sich darueber Gedanken zu machen, wieso ich den an der Wand habe. Die Wahrheit ist jedoch, dass [moralische] gesellschaftliche Werte oder auch Normen zu einem grossen Teil gerade von der durchschnittlichen Meinung abhaengen, an ihr festgemacht werden. Genau aus diesem Grunde halten sich manch ueberholte Vorstellungen so hartnaeckig.

wo auf der Welt und wann auf der Welt galt es innerhalb einer Gemeinschaft als moralisch, zu morden
Einige Naturvoelker haben (oder hatten) mit dem, was wir heut Kannibalismus oder Menschenopfer nennen, kein sonderliches Problem. Und auch Inquisationen, Hexenverbrennungen oder mancherorts immer noch vollstreckte Todesstrafe (in Aegypten gibts beispielsweise fuer Vergewaltigung „Ruebe ab”, in einigen suedamerikanischen Laendern sogar fuer Drogenhandel) sind in unseren Breiten nicht sehr moralisch. Obgleich ich mich freilichst von vorgenannten Verbrechen distanziere, aber auch das Strafmass ist ein deutlicher Indikator fuer die gaengige Moralauffassung einer Gesellschaft.

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"Folter"-Beispiele (keine/1) (#26)
von Ralf Poschmann
verfasst am 2.11.2006 um 20:35:42

Der von dir (ich darf doch „du” sagen?) verlinkte Wikipedia-Artikel bringt einige Punkte klar zum Ausdruck: Den Unterschied zwischen Ethik (=Kopf) und Moral (=Bauch) zum Beispiel, und dass Moral eine Rolle spielt, um Begründungen in zu komplexen Situationen abzukürzen. Aber zunächst zur Evolutionären Erkenntnistheorie. Soweit ich mir das gemerkt habe, begründet diese, warum dem Einzelnen einige Konzepte vor jeder Erfahrung zur Verfügung stehen können - weil sie sich in seiner Spezies, bereits bei seinen Vorfahren, als überlebensnützlich erwiesen haben.

Man sollte aber sehr sparsam damit sein, etwas der Evolution und nicht der Kultur und deren Tradierung zuzuschreiben. Zu den ererbten Konzepten gehören sicher elementare Auffassungen zu Raum und Zeit, und natürlich die genetisch bedingte Möglichkeit des Spracherwerbs (Grammatik?). Altruistisches Verhalten gehören auch dazu, das heißt spontane Hilfsbereitschaft, ohne über einen späteren eigenen Nutzen nachzudenken. Alles gekauft. Höhere Affen orientieren sich in Raum und Zeit, können sich untereinander verständigen und helfen sich gegenseitig. Aber sie bringen sich auch gegenseitig um und fressen sich auf. So komplex ist ihre Umwelt nicht, dass sie eine Moral bräuchten, weil sie sonst nicht mehr durchsehen würden, was gut und was böse ist. Meiner Meinung nach ist ein Konzept wie Moral von der EE nicht gedeckt.

"Folter"-Beispiele, die zeigen sollen, warum eine Argumentation aus moralischen Gründen wenig nützlich sein kann:

  • Person A1: Ich foltere nicht. Ich will selbst nicht gefoltert werden.
  • Person A2: Ich foltere nicht. Hat beim letzten Mal auch nichts gebracht, ich werde andere Methoden probieren.
  • Person B1: Ich foltere nur wenige, bis ich die Informationen habe, die ich brauche. Damit schütze ich das Leben vieler anderer.
  • Person B2a: Ich foltere nur solange, bis ich die Informationen habe, die ich brauche. Dann gibt er mir seine Brieftasche. Damit kaufe ich mir ein schönes Auto.
  • Person B2b: Ich foltere nur solange, bis ich die Informationen habe, die ich brauche. Dann gibt er mir seine Brieftasche. Damit kaufe ich Brot für meine hungernde Familie.
  • Person C: Ich foltere, weil mein Gott das so will.
  • Person D: Ich foltere aus Spaß. Ich bin geistesgestört.

Wenn wir uns jeweils die gesamte Kausalkette ansehen, dann werden mit gewisser Berechtigung A1, B1, B2b und C moralisch richtiges Verhalten für sich reklamieren, obwohl A1 das ganz gewiss anders sieht und nur sich selbst als moralisch einwandfrei. Ohne Kenntnis der Begründungen würde A1 aber außer sich selbst auch A2 als als moralisch einwandfrei betrachten. Mit Kenntnis der Begründung kann A1 aber stattdessen D als moralisch einwandfrei betrachten, weil er als Kranker nicht schuldfähig ist.

Eine solche Sichtweise führt offenbar zu nichts. Wenn man sich aber sowieso in die Kausalketten vertiefen muss, dann sollte man die Chance nutzen, sie an irgendeiner Stelle zu unterbrechen und die Entscheidungen des anderen im eigenen Sinne zu ändern. Dazu muss man aber dem anderen gute Gründe dafür liefern, von seinem Tun zu lassen und kann dazu an jeder beliebigen Stelle der Kausalkette eingreifen. (Z.B. B2b: Folter verhindern, Geld schenken, Brot kaufen.)

Beispiel Folter durch die CIA, Kriegsverbrechen im Irak: Nützen moralische Appelle an die USA? Nein. Der einzige Weg besteht darin, den Amerikanern klar zu machen, dass sie mit ihrer Vorgehensweise sich selbst Schaden zufügen und eine andere Strategie ihnen selbst mehr nützt. Außerdem kann realer Druck ausgeübt werden, der den aktualen summativen Nutzen der Folter für sie verringert. Natürlich müssen unsere Vorschläge so sein, dass auch alle anderen im Durchschnitt Vorteile sehen. Wir können aber nicht mit guter oder schlechter Moral argumentieren, sondern nur mit handfesten Gründen. Bestenfalls können uns unsere eigenen moralischen Kriterien die Richtung vorgeben, in der wir nach Gründen suchen müssen, für Vorhaltungen an andere taugen sie aber nichts.  

 

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Ich besitze eine Espressomaschine. (keine/2) (#16)
von Nils Schöner
verfasst am 1.11.2006 um 09:17:51

Gut zehn Jahre alt. Italienisches Fabrikat. Klobige Mittelklasse. Inzwischen leckend. Kunststoffgriff eingerissen. An problematischer Stelle verkalkt. Eine tägliche Freudespenderin.

Sonderbar, daß ein Nobelpreisträger für Wirtschaft rät, sich mit dem zufrieden zu geben, was man hat. Das Versprechen, daß man sich rasch an die Veränderung gewöhnen würde, ist für mich irgendwie unbefriedigend. Meine Reaktion auf Reichtum würde ich doch lieber am eigenen Leib erfahren. Ich glaube, dem Beinamputierten könnte man damit auch nur einen schwachen Trost an die Hand geben. Das mag aber auch davon abhängen, wann man das Bein verliert, als Kind oder in den besten Jahren. Ob man so etwas bewältigt, hängt aber auch nur zum Teil von bewußten intellektuellen Entscheidungen ab.

Ich finde, daß zum Glücklichsein dazugehört, daß man nicht alles hat, was man haben möchte. Aber dieses Streben nach oder Hoffen auf was auch immer will ich nicht betäuben, indem ich mir einrede, daß alle Freude sowieso nur kurz währen würde. Ich kenne zu viele Gegenbeispiele. Ich möchte nicht in einem hermetischen Paradies leben, sei es ein befriedetes Verzichtsparadies oder ein Paradies des Überflusses, in dem einem alles sofort zufliegt. Vermutlich bin ich in dieser Hinsicht sehr sonderbar, aber Strategien, die mich zu einem zufriedenen Menschen machen wollen, lehne ich ab.



Kaffeemaschine (keine/1) (#19)
von Ralf Poschmann
verfasst am 1.11.2006 um 19:27:12

Beim Einzug in meine erste Wohnung habe ich eine kleine Kaffeemaschine geschenkt bekommen, die habe ich heute noch, sie funktioniert sehr gut. Als ich neulich im Elektroladen war, habe ich bessere gesehen, für 9,90€. Aber ich brauche keine andere. Kaffeemaschinen der klassischen Bauart haben keine natürliche Lebensdauerbegrenzung, wie es sie in anderen Konsumgütern gibt.

Kahneman hat genau das getan, was man von einem Wissenschaftler erwartet: Experimente (Befragungen) durchgeführt und Schlussfolgerungen daraus gezogen. Und auch die Theorie, die ihm letztlich den Nobelpreis gebracht hat, war ja nicht ohne, wenn er nachweisen konnte, dass es mit den rationalen (ökonomischen) Entscheidungen von Menschen nicht so weit her ist.

Irgendwie kommen Menschen sehr schwer damit klar, wenn ihnen vorgeführt wird, dass sie überwiegend triebgesteuert funktionieren, das Unterbewusstsein die (oft falschen) Entscheidungen trifft und das Bewusstsein diese nachrationalisiert.

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Gutgut. Aber künftig bitte bitte (keine/0) (#20)
von Martin von Arndt
verfasst am 1.11.2006 um 23:16:24

das Wort „Unterbewußtsein” vermeiden, lieber Ralf, das benutzen nur noch Leute, die von Psychologie soviel verstehen (wollen) wie ich von der Aufzucht und der Hege süßer kleiner Labrador-Hunde.

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Das ist aber schwierig, (keine/0) (#21)
von Ralf Poschmann
verfasst am 2.11.2006 um 08:07:14

weil über diesen Umweg jedes beliebige Wissenschaftsgebiet die Deutungshoheit über Wörter gewinnen kann, die im Alltag schon lange vorher verwendet worden sind. Wie wäre es zum Beispiel damit:

„Heute gehe ich in den Laden und kaufe mir eine neue Lampe.” Falsch! Du willst keine Lampe kaufen, sondern eine Leuchte. Merksatz: Die Lampe ist in der Leuchte das, was leuchtet. Aber eigentlich ist auch Lampe ein aussterbender Begriff in der Lichttechnik, soll aber nicht von Glühbirne, sondern von Leuchtmittel abgelöst werden. Und wie hältst du Wörter wie Lichtstärke, Beleuchtungsstärke, Lichtstrom, Leuchtdichte, Strahlstärke, Bestrahlungsstärke, Energie und Strahldichte auseinander? Es wird dir schwerfallen, hier nicht die Bedeutungen zu verwechseln.

Wenn man in der Wikipedia „Unterbewusstsein” eintippt, wird man gleich auf „unbewusst” umgeleitet. Ich erinnere mich durchaus (es ist mir bewusst), dass sich in diesem 'Sprachraum' auch noch das Vorbewusste und das Über-Ich vom Über-Vater der Psychoanalyse tummeln.

Über die Labrador(e?) brauchst du dir keine großen Gedanken machen, deren Instinkte geleiten auch dich auf den richtigen Weg. Wenn die ein fünfwöchiger Welpen nachts um drei auf den Teppich kackt, dann weißt du, dass du in der nächsten Nacht auch um zwölf und um vier nochmal Gassi gehen musst. Und wenn du mitansiehst, wie der Hund einen Napf leer frisst, der eigentlich seine Wochenration enthalten sollte, dann wirst du ihn rechtzeitig auf Diät setzen. Das Tier wird dich schon erziehen.

[ Bezug ]



un(ter)bewusst (4.66/3) (#28)
von Markus Preuss
verfasst am 3.11.2006 um 10:52:18

In der modernen Psychologie wirde das Wort „un(ter)bewusst” tatsächlich vermieden, da es zu stark an die Theorien der psychoanalytisch orientierten Sichtweise verknüpft ist, von der sich heutige Psychologen distanzieren. So spricht man also derzeit von „impliziter” Informationsverarbeitung, oder dem „nicht-deklarativen” Gedächtnis. Schaut man jedoch dann in die Lehrbücher, was „implizit” und „nicht-deklarativ” in der Kognitionsforschung zu bedeuten hat, ist - neben der Erklärung von automatisch ablaufenden Prozesse - jedoch stets wieder ein Verweis auf das Wort „unbewusst” zu finden. Inwieweit man es hier mit altem Wein in neuen Schläuchen zu tun hat, muss jeder selbst entscheiden.


[ Bezug ]


So ähnlich hatte ich das vermutet (keine/0) (#29)
von Ralf Poschmann
verfasst am 3.11.2006 um 20:34:26

Weil eine bestimmte wissenschaftliche „Schule” Begriffen eine engumrissene Bedeutung gegeben hat, versuchen andere Schulen, auf Teufel komm raus, die Verwendung dieser Begriffe zu vermeiden. Freud hat seinen Erkenntnissen über menschliches Denken durch seinen übertriebenen Bezug auf die kindliche Sexualität großen Schaden zugefügt. Aber ich glaube, dass jeder Psychologe daran denken sollte, dass seine Wissenschaft stets selbstreferenziell bleibt. Er kann gar nicht anders als bei jeder Hypothese zuerst in seinem eigenen Kopf zu stochern, ob sie stimmt - bzw. noch schlimmer, jede Hypothese entstammt ja seinem eigenen Denken. Damit nimmt Psychologie eine absolute Sonderstellung unter allen "Natur"wissenschaften ein.

Freud ist 100 Jahre zu früh geboren worden. Heute kann man bei Vermutungen über den Ablauf von Gedächtnis- und Lernvorgängen, von bewussten und unbewussten Wahrnehmungen in der Neurophysiologie nachschauen, ob man physische Korrelate zu den von außen beobachtbaren psychischen Vorgängen findet.    

[ Bezug ]



Sorry (keine/0) (#22)
von Ralf Poschmann
verfasst am 2.11.2006 um 08:23:22

Natürlich hast du recht. Kahneman betreibt ja Psychologie, insofern ist ein korrekter Umgang mit den Wörtern aus dem Bewusstseinsspektrum notwendig.

[ Bezug ]


Labradors (keine/0) (#23)
von Frank Sommer
verfasst am 2.11.2006 um 11:46:45

Ich gebe zu, ich verstehe nicht einmal was von Labradors und hielt bislang an dem Konzept des Unbewussten dennoch fest. In meinem Zimbardo, der wohl immer noch als ein Standardwerk der Psychologie angesehen wird, gibts das Unbewusste noch. Gut, es wird viel auf Freud geschoben, dessen Lehren wurden jedoch nicht verworfen, sondern lediglich erweitert. Z.B. fuehrte der dort so genannte „Neofreudianer” Jung (1953) den Begriff des Kollektiven Unterbewusstseins ein, ein wirklich reizendes Thema.

Ich gebe zu, meine Ausgabe ist die vierte Auflage von 1993, vielleicht also nicht mehr ganz so aktuell. Dennoch waere ich an dieser Stelle sehr dankbar ueber einige Links, die darstellen, wodurch man denn den Begriff des Unbewussten derweil substituiert hat.

[ Bezug ]



Begriffe (keine/0) (#27)
von Ralf Poschmann
verfasst am 2.11.2006 um 20:47:32

Du hast ja auch 'unbewusst' geschrieben, was Martin vermutlich nicht kritisieren würde, ich jedoch  'unterbewusst'. Und dann gibt es noch 'vorbewusst'. Ich muss gestehen, dass mir die neurophysiologische Sicht ala Libet näher steht. Da gibt es dann keine scharfen Grenzen zwischen diesen Wörtern mehr, alles hängt nur noch davon ab, an welcher Stelle ein Reiz wie lange anliegt. Und es gibt auch verschiedene Grade der Bewusstheit.

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Mein Tipp: (keine/0) (#32)
von Inge Hoffmann
verfasst am 15.3.2007 um 16:28:10

Hundeschule!

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Begriffsverwendung durchdenken (keine/1) (#30)
von Jörg Friedrich
verfasst am 2.12.2006 um 14:15:34

Bevor darüber nachgedacht wird, warum manch einer sich als glücklich beschreibt und ein andrer als zufrieden ist es sinnvoll, die Verwendungsweisen der Begriffe genauer zu betrachten. Hier wurden (soweit ich das sehe) teilweise zwar verschiedenen Begriffe verwendet, die aber (wenn man die Beispiele betrachtet) auf das gleiche zeigen, andererseits wurden verwandte Begriffe benutzt (Glück haben und glücklich sein) die trotz ihrer Verwandtschaft auseinander gehalten werden müssen.

Das Wort Glück wird immer nur situativ verwendet (Glück haben z.B. bezieht sich immer auf einen Moment: „Da hast du aber Glück gehabt”, „Wenn sie sich beeilen, könnten sie Glück haben und den Zug noch erreichen”). Glück ist etwas, was man kurz besitzt aber grundsätzlich nicht halten kann. In der Sprache finden wir Glück zudem fast nur in der Vergangenheits- oder der Möglichkeitsform: dass jemand sagt: „Ich habe gerade Glück” ist schwer vorstellbar - auch das verweist auf die Flüchtigkeit des Glücks-Besitzes.

Anders verhält es sich schon mit dem Glücklich-sein. Genau betrachtet hat das Glücklich-Sein nichts mit dem Glück-Haben zu tun. Als Glücklich-Sein bezeichnen wir einen Daseins-Modus, in dem uns Angst nicht begegnet oder wenigstens nicht lähmt. Glücklich-Sein ist an bestimmte Konstellationen unserer Existenz gebunden: „Mit Dir bin ich glücklich.” "Diese Tätigkeit macht mich glücklich."

Glück-Haben kann so gesehen dem Glücklich-Sein zeitlich vorausgehen. Wer das Glück hatte, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, wird dauerhaft Glücklich sein.

Wenn aber Glück-Haben und Glücklich-Sein nicht auseinander gehalten wird, wird man versuchen, immer wieder Momente des Glück-Habens herbeizuführen (mancher versucht dies durch Geld und viel Geld haben wird so dann als Möglichkeit von Viel-Glück-Haben gesehen und damit dann wieder mit Glücklich-Sein verwechselt).

Dem Glücklich-Sein verwandt ist das Zufrieden-Sein, aber es ist nicht das gleiche. Nicht ohne Grund steckt im Wort „zufrieden” ja das Wort „Frieden”. Dem Zufrieden-Sein ist eigen, dass man keine Änderung des herbeigeführten Zustandes mehr wünscht, das widerspricht nicht unbedingt dem Glücklich-Sein, letzteres ist aber umfassender. Mancher ist glücklich, wenn er zufrieden ist, wenn alles so ist, wie er es sich gewünscht hat und wenn dieser Zustand sehr stabil ist. Andere mach das nach kurzer Zeit unglücklich.

Eines ist aber klar: Wer Glücklich-Sein durch Glück-Haben erreichen will, kann nie zufrieden sein. Zufrieden-Sein ist immer auf Dauer angelegt, Glück-Haben ist immer flüchtig. Wer dadurch glücklich sein will, dass er immer wieder das Gefühl hat, Glück zu haben, wird immer weiter hetzen müssen, und wird so nie zufrieden sein.



Mein Sprachverständnis ist ein anderes. (keine/0) (#33)
von Rainer Müllan
verfasst am 15.3.2007 um 18:41:41

Oder mein Sprachgebrauch. Wie auch immer. Meint man mit "Glück gehabt" nicht eher etwas wie "Schwein gehabt"? Beschreibt man damit nicht eine Zufallssituation? Ob ich nun im Lotto gewonnen habe, mich beinahe jemand überfahren hätte oder ich 50 € gefunden habe, in jedem Falle habe ich Glück gehabt. Aber ich meine damit nicht einen kurzen Zustand des Glücklichseins, sondern eben die erwähnte Zufallssituation.

[ Bezug ]


Glück und Zufriedenheit | 33 Kommentare (33 inhaltlich, 0 redaktionell, 0 versteckt)

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