Obwohl der Kühlschrank planmäßig aufprallte und verdampfte, ist Tempel 1 immer noch kartoffelförmig, und die Gründeausdenker der Nasa werden auf auf Pressekonferenzen mit unangenehmen Fragen konfrontiert.
Die Gründeausdenker haben in solchen Fällen ein Standardargument bereit: „Die Mission wird uns viel über die Anfänge des Sonnensystems lehren!” - Aber begann unser Sonnensystem denn wirklich mit der Begegnung eines Kühlschranks und eines Kometen? Angesichts einer derart dünnen Argumentationslage mag es lohnen, die wahren Beweggründe hinter der, wie Kritiker nicht müde werden anzumerken, 333 Millionen Dollar teuren Mission "Deep Impact" zu untersuchen.
Tatsächlich ist die Tempel-1-Mission in vieler Hinsicht ein Novum. Nachdem die Nasa in der Vergangenheit viele ihrer schönsten Sonden ruinierte, indem sie sie versehentlich unsanft auf harte Himmelskörper knallen ließ, ist ihr dergleichen nun zum ersten Mal absichtlich gelungen. Greg Horvath und Leticia Montanez, die in der Vergangenheit mehrfach Nasa-Fahrzeuge mit desaströser Flugprogrammierung zerstörten, wurden wieder eingestellt und enttäuschten die in sie gesetzten Erwartungen nicht. „Die Ergebnisse werden eine enorme Hilfe sein, die Landung der 'Rosetta'-Sonde auf einem Kometen zu planen,” freut sich der Esa-Wissenschaftsdirektor David Southwood. Wir wollen hoffen, daß dem nicht so ist! Southwoods Äußerungen sollten jedermann mit tiefer Sorge erfüllen, schließlich hat auch die Esa das eine oder andere Vehikel durch versehentliche Crashtests eingebüßt.
Auch der amerikanische Regierungschef, sonst nicht grade als Freund der Wissenschaft bekannt, zeigt sich in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag in beunruhigender Weise begeistert: „Es ist das erste Mal, daß die Bevölkerung der Erde, gemeinsam und entschlossen, in einem preemptiven Schlag überzeugend demonstriert hat, daß sie willens und in der Lage ist, Frieden und Freiheit überall zu verteidigen!” - Was aber würde geschehen, wenn die Kometen tatsächlich begännen, zurückzuschlagen? Der Impactor hat angeblich nicht mehr Schaden anrichten können als „eine Mücke an einem Flugzeug”, und es bestehen ernste Zweifel, ob die Menschheit über genügend Kühlschränke verfügt, um auch nur fünf Kometen vom Tempel-Format abwehren zu können.
Verteidiger der Mission werden sofort anmerken, daß es der Nasa gelungen ist, mit dem Aufprall erstmals einen Krater in Form eines Fußballfeldes anzulegen. „Damit macht sich die Nasa sowohl um die Sportarchitektur, als auch um die Verbreitung des Fußballspiels über alle Völkergrenzen hinaus verdient” lobt denn auch der Nasa-Beauftragte für Sport und Völkerverständigung, Marty Huisjen. Dem steht entgegen, daß Tempel 1 gar keine eigene Fußballtradition besitzt, und sich bislang auch kein irdisches Team bereit erklärte, ein Turnier auf dem bekanntermaßen unwirtlichen (und nach wie vor kartoffelförmigen) Himmelskörper auszutragen.
Angesichts dieser schlechten Außendarstellung der Beweggründe hinter dem Experiment ist es nur zu verständlich, daß die Öffentlichkeit der "Deep Impact"-Mission mit großer Skepsis begegnet. Dabei sind diese sehr gut nachvollziehbar, wenn man sich nur die Mühe macht, die tatsächlichen und manchmal sehr speziellen wissenschaftlichen Fragestellungen der beteiligten Wissenschaftler („sollte man mal gemacht haben” - Jessica M. Sunshine, SAIC, „warum zum Teufel nicht?” - Julia DeMarines, Praktikantin, „mal ein ordentliches Loch machen” - Kavita Kaur, Software-Stress-Testerin) nachzuvollziehen.
Gelegentlich wird in Internet-Foren zur Mission die Frage gestellt, ob es nicht andere Objekte als ausgerechnet einen Kühlschrank gegeben hätte, die preiswerter gewesen wären und dennoch denselben Effekt gehabt hätten. Casey Lisse, Instrument Scientist der Mission, erklärt, warum die Wahl der Experten gerade auf einen Kühlschrank fiel: „Eine Waschmaschine hat ähnliche Maße wie ein Kühlschrank, ist oft sogar schwerer. Andererseits benötigt eine Waschmaschine, vor allem im Schleuderbetrieb, deutlich mehr Energie als ein Kühlschrank, und die Wasserversorgung im interplanetaren Raum hätte uns vor Probleme gestellt. Auf der anderen Seite benötigt ein Kühlschrank bei -273 Grad praktisch keine Energie, um seinen Betrieb aufrechtzuerhalten.” Es gibt jedoch noch mehr Gründe, die für den Kühlschrank sprachen:
Da ist zunächst Projektleiter Michael F. A'Hearn, ein Physiker, der sich seit vielen Jahren der Frage widmet, wohin das Licht im Kühlschrank geht, wenn man die Tür schließt. Für A'Hearn ist das Tempel-Experiment, das einen einzigartigen Lichtblitz erzeugte, zweifellos der Höhepunkt seiner Laufbahn. Er rechnet damit, dass die Auswertung der Daten viele Monate dauern wird. Drei Stunden nach dem Aufprall seien erst zehn Prozent der Messergebnisse auf der Erde eingetroffen. „Wir beginnen jetzt mit der Arbeit”, sagte A'Hearn. „Ich freue mich auf eine Riesenmenge an Daten, die mich bis zu meinem Ruhestand beschäftigen wird.”
Der Deputy-Projektmanager Monte Henderson schließlich ist anerkannter Exobiologe, der Berühmtheit mit der These erlangt hat, daß das Leben auf der Erde möglicherweise in einem vergessenen Kühlschrank seinen Anfang genommen hat. „Deep Impact bietet uns nun die Möglichkeit, diese These zum ersten Mal experimentell zu überprüfen, indem wir einen Kühlschrank auf einen vorher unbelebten Himmelskörper prallen lassen.”
Es gibt also bei aller berechtigten Kritik durchaus gute Argumente dafür, daß die jüngste Mission der Nasa uns etwas über die Frühzeit des Sonnensystems lehren wird.