Als Vater der polnischen Literatur gilt der Dichter und Erzähler Mikolaj Rej, der es im 16. Jahrhundert mit seinem Ausspruch, dass die Polen keine Gänse seien und ihre eigenen Sprache hätten („Polacy nie gesi i swój jezyk maja”) vermochte, bei seinen Landsleuten das Interesse am literarischen Umgang mit der polnischen Sprache zu wecken. Bis dahin war fast ausschließlich Latein als amtliche Schriftsprache im Gebrauch gewesen.
Nach Renaissance, Barock und Aufklärung treffen wir in der Romantik neben Juliusz Slowacki auf Adam Mickiewicz.
Polen war im ausgehenden Mittelalter politische und militärische Führungsmacht in Osteuropa. Nachdem es zuvor schon Gebiete verloren hatte, fanden 1772, 1793 und 1795 die drei Teilungen des Landes statt. Der polnische Staat wurde unter die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt und schließlich für 123 Jahre aufgelöst. Wegen der politischen Lage nahmen die Werke der polnischen Romantik zunehmend messianistische° Züge an. Ihre führenden Vertreter Mickiewicz und Slowacki schrieben von der Emigration aus, wohin sie nach dem zerschlagenen Novemberaufstand von 1831 flüchteten. Die Überzeugung von der geschichtlichen Bestimmung ihres Volkes führte zu verstärkter Beschäftigung mit der Geschichtsphilosophie. Mit Beniowski (Slowacki) und Pan Tadeusz (Mickiewicz) wurde das Versepos zu einer der beliebtesten Gattungen erhoben.
Biographie
Adam Mickiewicz, Zeitgenosse Heinrich Heines, der auch als „Dichterfürst Polens” bezeichnet wird, schmücken noch weitere Attribute: Dante Polens, Goethe Polens, Shakespeare Polens. Er gilt bis heute als das Instrument der Seele der Polen, ihrer romantisch-rebellischen Natur und ihres historischen Bewusstseins.
Er wurde am Heiligen Abend 1798 in Zaosie oder Nowrogródek im heutigen Weissrussland geboren und starb im November 1855 in Konstantinopel. Sein Vater gehörte der Szlachta, dem niederen polnischen Landadel, an und erzog ihn zu einem glühenden Patrioten.
Während seines Studiums an der Universität Wilna (1815 bis 1819) kam er in Kontakt mit der polnischen Befreiungsbewegung. 1823 wurde er als Begründer und Kopf des Philomatenbundes°° mit seinen Freunden verhaftet und nach Zentralrussland verbannt. Hier gewann er Freunde unter den Führern des Dekabristenaufstandes°°°. In Moskau stand er in Kontakt mit Alexander Puschkin.
Ab 1829 lebte Mickiewicz in Deutschland, wo er in Weimar mit Johann Wolfgang von Goethe zusammentraf. 1830 reiste er im Zuge des Novemberaufstands in Polen an die Grenzen des damaligen Kongresspolens. Der Aufstand scheiterte und Mickiewicz ging mit der „großen Emigration” nach Paris, wo er 1832 Celina Szymanowska heiratete. Er lehrte ab 1840 slawische Literatur am Collège de France und wurde 1844 wegen der Verbreitung politischer und religiöser Ideen des Mystizismus entlassen. 1848 organisierte er in Italien die polnischen Legionen gegen Österreich. Ab 1852 war er am Arsenal in Paris Bibliothekar und starb 1855 in Konstantinopel an der Cholera.
Wichtigste Werke
Pan Tadeusz (Herr Thaddhäus), das polnische Nationalepos. Im Juni 1834 in Paris erschienen, gilt es als das letzte große Versepos der europäischen Literatur, ist bis heute Pflichtlektüre in den polnischen Schulen und nach der Bibel das meist gelesene Buch in Polen. Die ersten beiden Sätze aus Pan Tadeusz kennt jeder Pole: „Litauen, du meine Heimat, du bist wie die Gesundheit. Nur wer diese verloren, weiß das Verlorne zu schätzen.”
Daher verwundert es nicht, dass Mickiewiczs Nationalität umstritten ist. Er behauptete gern, dass er zwei Heimatländer habe: Polen sei seine gewöhnliche Heimat, doch Litauen seine besondere. Als Adomas Mickevicius wird er in Litauen fast genauso wie in Polen verehrt.
Konrad Wallenrodt. Untrennbar mit der Stadt Königsberg verbunden ist der Name Wallenrodt. Bezweifelt wird jedoch, ob Konrad Wallenrodt (Hochmeister der Ritterschaft von 1391 bis 1393) wirklich dem später bekannt gewordenen Adelsgeschlecht angehörte. <br<br>
Während Mickiewiczs russischer Verbannung entsteht seine Verserzählung Konrad Wallenrodt. , die von den Zeitgenossen als Aufforderung zur bewaffneten Erhebung gedeutet wurde. Sie erreichte eine noch größere und volkstümlichere Wirkung als Die Ahnenfeier und kann die Iliade des polnischen Nationalgeistes genannt werden. Kurz nach seinem Erscheinen wird Konrad Wallenrodt als zu gefährlich betrachtet und von der zaristischen Zensur verboten. Konrad Wallenrodt gilt als der polnische Faust, der nach Freiheit strebt, wogegen der deutsche Faust nach Wissen und Erkenntnis strebt.
Krim-Sonette
Die Tragödie Dziady (Ahnenfeier bzw. Totenfeier), ein in Polen noch aus heidnischer Zeit stammender und besonders kultivierter Brauch der Totenverehrung. Da Mickiewicz von Paris die geistige Regierung des besetzten Polen verkörperte, wurden seine Werke wie Gesetzestafeln gelesen und wie patriotische Erlasse gedeutet.
Politische Schriften
Außenwirkung in Deutschland
Die Leipziger „Blätter für literarische Unterhaltung” des Buchhändlers Brockhaus haben auf Mickiewiczs Talent aufmerksam gemacht und seine Neuerscheinungen des öfteren rezensiert: „… in der Person des Dichters vereinigen sich alle Eigenschaften, durch die die jetzigen Polen das Herz der Mitwelt gewonnen haben: lebendiges Nationalgefühl, glühender Patriotismus, phantastische Beweglichkeit des Geistes, ritterliche Galanterie und männlicher Heldensinn” (1829).
Zu den bekanntesten Stimmen, die dem polnischen Dichter gewidmet wurden, gehört das Gedicht Mickiewicz von Ludwig Uhland. Nachdem Uhland in den ersten beiden Strophen den Kampf der Polen und die nachfolgende Totenstille der Niederlage erwähnt, wendet er sich in der dritten Mickiewicz zu:
Mitten in der stillen Feier
Wird ein Saitengriff getan;
Ha! Wie schwillet diese Leier
Voller stets und mächt'ger an!
Leben, schaffen solche Geister,
Dann wird Totes neue geboren:
Ja! Mir bürgt des Liedes Meister:
Noch ist Polen nicht verloren!
In der heutigen Zeit ist Karl Dedecius (geboren 1921 in Lodz) der Nestor der Übersetzer polnischer Literatur und Mitgründer des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, das regelmäßig den Karl-Dedecius-Preis für polnische Übersetzer deutscher Literatur und deutsche Übersetzer polnischer Literatur verleiht.
Wenn wir unsere slawischen Nachbarn und ihre spezifischen Probleme je begreifen wollen, sollten wir die Veröffentlichungen Mickiewiczs kennen. Er ist wie ein Brennglas, in dem sich alles Polnische sammelt.
Mickiewicz war für sein Volk ein Mann der Vorsehung: kein gewöhnliche Mensch oder Dichter, sondern „vates et propheta”. Als solcher - sein Beiname „Seher” blieb ihm in der polnischen Literaturgeschichte bis auf den heutigen Tag erhalten- wurde ihm die ehrwürdigste Ruhestätte eingeräumt, die die polnische Nation zu vergeben hat: die Königsgruft zu Wawel, wo er als des Volkes Idol und Idee weiter lebt.
Anmerkungen:
° Messianismus: Das wohl auffälligste Merkmal an Mickiewiczs Messianismus ist seine religiöse Beeinflussung und Verbrämung. Dies sind keineswegs von außen heran getragene Eindrücke, sondern auch von Mickiewicz beabsichtige Analogien. Er sah und intendierte eine Ähnlichkeit zwischen dem Leben und Sterben und der Wiederauferstehung von Christus und dem Geschick der polnischen Nation.
Neben der besonderen Sendung der Slawen und in Sonderheit der Polen ist das vielleicht markanteste Merkmal in Mickiewiczs Messianismus die Ablehnung des westlichen Weges. Mickiewicz weiß sich hier in Einklang mit der romantischen Kritik an der Aufklärung, an der Vernunftversessenheit, ja Fortschrittsgläubikeit, die auf den Bund mit Gott verzichten zu können glaubt.
°°Philomatenbund: zunächst schwärmerischer Studentenbund ähnlich dem deutschen Tugendbund oder den französischen „Sociétés Philomatiques”. Sie schrieben Gedichte und hatten die Aufklärung des Volkes im Sinn und die Freiheit zum Ziel: ihre Hymnen und Oden - von Schiller inspiriert- richteten sich an die Freundschaft, an die Freude, an die Jugend.
°°°Dekabristenaufstand: siehe hier
Literatur:
Adam Mickiewicz
„Dich anschaun”
Liebesgedichte - übertragen von Karl Dedecius
Insel-Verlag 1998
Mickiewicz, Dichtung und Prosa
Ein Lesebuch von Karl Dedecius
Polnische Bibliothek Suhrkamp 1995
Polnische Romantik
Ein Literarisches Lesebuch
Hans-Peter Hölscher-Obermann
Suhrkamp Verlag 1998
Bonifacy Miazek (Hrsg.)
Adam Mickiewicz - Leben und Werk
Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1998
Krasnodebski, U./Garsztecki, S.(Hrsg.)
Sendung und Dichtung - Adam Mickiewicz in Europa
Reinhold Krämer Verlag, Hamburg 2002