nensch - Ehrlich währt. Für seinen Hund ist jeder Mensch Napoleon. Darum sind Hunde so beliebt.
[Adous Huxley, engl. Schriftsteller, 1894-1963]
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Schwein sein (Politik)
Kommentar von Lothar Struck, veröffentlicht am 20.3.2005 um 19:30:57

Bei einer freien und geheimen Wahl zum Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein hat sich mindestens ein Mensch mehrfach gegen diejenige Kandidatin ausgesprochen, die von drei Parteien auserkoren war, gewählt zu werden.

Was ist eigentlich daran schlimm ? Ich behaupte: gar nichts.  


Viel schlimmer ist das Verhalten, was uns diese drei Parteien nach den vier erfolglosen Wahlgängen (hiervon waren zwei überflüssig) zeigen. Führende SPD-Politiker inklusive des Parteivorsitzenden entblöden sich nicht der Kommentare wie beispielsweise der Abweichler/die Abweichlerin sei ein  „Feigling” oder „Verräter” - die demontierte Kandidatin zog gar den gewagten "Dolchstoß"-Vergleich, der vor sehr vielen Jahrzehnten ganz anderen (Knall-)Chargen dazu diente, die Demokratie zu demontieren.

Gipfelpunkt war die Aussage des schleswig-holsteinischen SPD-Fraktionsvorsitzenden Hay, der den Abweichler als „Schwein” bezeichnete, mit dem er „sonst was machen” würde, wenn er ihn zu fassen bekommen würde.

Was ist denn die Ursache solcher verbalen und rhetorischen Amokläufer? Daß viele Parteioberen die Fraktionsmitglieder als Stimmvieh benutzen, die eigentlich nur zu funktionieren hat, ist offensichtlich so in den alltäglichen Gebrauch übergegangen, dass auch von den sonst so kritischen Medienvertretern die oben genannten schlimmen Ausrutscher gar nicht ob ihrer Demokratie- und Parlamentarismusfeindlichkeit herausgestellt und desavouiert, sondern nur gezeigt werden.

Das häufig genannte Argument, der/die Abweichler/in hätte sich ja in den Probeabstimmungen „richtig” verhalten und dann während der „richtigen” Abstimmung menschlich versagt, spiegelt doch nur das Dilemma wider, was uns in jahrzehntelangem Parteienverhalten in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint. Dabei haben Probeabstimmungen innerhalb von Fraktionen keinerlei Wert. Sie dienen den Parteistrategen als Prüfung, ob den die (fragile) 100 %-Mehrheit erreicht wird. Warum soll man sich vorher outen ? Man ist seinem Gewissen verantwortlich - nicht der Partei (mindestens, wenn man direkt gewählt wurde - bei Listenplätzen könnte man anders argumentieren).

Nun, die schon lange abgewirtschaftete und ideenlose Ministerpräsidentin hat sich nicht durchsetzen können. Regierungschef wird jetzt wohl ein tollpatschiger Käpt'n Blaubär-Typ, der allerdings im Machtbewußtsein seiner ehemaligen Kontrahentin kaum nachsteht.

Die Große Koalition, die jetzt wohl entsteht wird die Probleme ungefähr so gut lösen wie diejenige in Brandenburg - nämlich gar nicht. In Wahrheit wird jeder nach dem zweiten Tag schon lauern, möglichst unbeschädigt  in die Zeit danach zu kommen.

Also: Laßt neu wählen - ohne Simonis. Sollte trotzdem ein ähnliches Ergebnis herauskommen - dann muß man damit arbeiten; irgendwie. Und allen jaulenden Parteistrategen sei ins Stammbuch geschrieben: In freien und geheimen Wahlen ist es legitim, dass die Mehrheiten sich nicht wie ausgekungelt ergeben. „Verrat” kann es nur gegenüber dem eigenen Gewissen geben, nicht gegenüber oktroyierten Loyalitäten. Es ist manchmal besser, ein „Schwein” zu sein als ein geistloser Mitläufer.

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Schwein sein | 39 Kommentare (37 inhaltlich, 2 redaktionell, 0 versteckt)
Hochtief (4.60/5) (#5)
von Willi Wamser
verfasst am 20.3.2005 um 15:18:02

Vorweg, meine Stimme hat der Beitrag bereits - als ein kritischer und anregender Kommentar. Mir geht es hier  um die argumentative Logik und die moralischen Überlegungen.

Eine Detailaufnahme zu folgender Passage, die recht gut den Tenor des Kommentars verdeutlichen kann:

Das häufig genannte Argument, der/die Abweichler/in hätte sich ja in den Probeabstimmungen „richtig” verhalten und dann während der „richtigen” Abstimmung menschlich versagt, spiegelt doch nur das Dilemma wider, was uns in jahrzehntelangem Parteienverhalten in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint. Dabei haben Probeabstimmungen innerhalb von Fraktionen keinerlei Wert. Sie dienen den Parteistrategen als Prüfung, ob den die (fragile) 100 %-Mehrheit erreicht wird. Warum soll man sich vorher outen ? Man ist seinem Gewissen verantwortlich - nicht der Partei (mindestens, wenn man direkt gewählt wurde - bei Listenplätzen könnte man anders argumentieren).

(a)
Naja, es ist sicherlich sehr viel Ärger und Überreaktion in der Verräterphraseologie zu markieren. Woher der Ärger?

(b)
Bei einer Probeabstimmung, die ja geheim ist, würde man seine Meinung outen, aber nicht seine Person. Zeigt man  sein zukünftiges Wahlverhalten, so liefert man damit den Parteistrategen eine solide Prognose für das Nichtzustandekommen oder das Zustandekommen eines Regierungsbündnisses.

(c)
Es mag einem Angehörigen einer Partei durchaus zuzumuten sein, für die Arbeit der Partei die entsprechenden generellen Informationen zu präsentieren. Der Partei und ihren Repräsentanten kann man bei entsprechenden Informationen einen erheblichen Gesichtsverlust ersparen. Will man diesen Gesichtsverlust in der aktuellen knappen Simonis-Sache, so gibt man in der Probeabstimmung nicht seine eigentliche Stimmentscheidung preis.

(d)
Ich sehe nicht, inwiefern derjenige  gegen sein Gewissen verstößt oder als „Stimmvieh” agieren muss, der mit einer parallelen Vor-Stimmabgabe das tatsächliche Meinungsbild erschließen lässt. Und es scheint mir auch richtig zu sein, aus Solidarität mit der Partei, der man angehört, dieser seinen Partei das reale Meinungsbild nicht vorzuenthalten. Es sei denn, man hat ein erhebliches und berechtigtes Interesse daran, die Partei und ihre Chefin einer erheblichen Blamage auszusetzen. Erheblich deshalb, weil ja bereits bei einer parallelen Stimmabgabe - so wie das Setting war - eine „kleine Lösung” irreal geworden wäre und damit eine andere Lösung als mit Simonis ins Spiel gekommen wäre. Kurz: Die akute Stimmensache hat einen erheblichen „provokativen Mehrwert”. Und dieser Stellenwert ist wohl auch dann zu bedenken, wenn man seine Stimmtscheidung als „freie Gewissensentscheidung” betrachtet.

(e)
Ist man - vgl. c - als „Parallelstimmler” ein „geistloser Mitläufer”, ein gefügiges Mitglied? Und falls das nicht so ist: Sind  die Wut über den Abweichler und die darauf aufbauenden Schimpftiraden  wirklich ein Indikator für „Demokratie- und Parlamentarismusfeindlichkeit”?

Mir scheint,  Urteile wie in (e) sind der Textsorte „meinungsbildender Kommentar” angemessen. Aber  sie greifen bei der Wahl ihrer Parameter wohl so hoch wie die Sündenbockurteile tief .....



Danke für diese Überlegungen (keine/0) (#6)
von Lothar Struck
verfasst am 20.3.2005 um 18:28:51

Natürlich ist mein Kommentar sehr „hoch” gegriffen und mit einem Furor geschrieben (wenn auch später noch etwas korrigiert). Ich dachte mir, es müßte in dieser Zeit der einseitigen Geißelung ein winziges Gegengewicht gesetzt werden (vermutlich dachten das nicht genug).

Wir wissen letztlich nicht, was den Abweichler zu seinem Handeln veranlasst. Ich kann mir vorstellen, daß die Gründe im persönlichen Verhältnis zu Frau Simonis liegen, d. h. das jetzt eine Rechnung präsentiert wird.  

Letztlich zählt für mich -entschuldige meine Unbelehrbarkeit- eine „Probeabstimmung” wirklich nicht. Sie dient eben nur den Parteistrategen zum Gruppendruck-Erzeugen. Ob sie geheim ablaufen, weiss ich leider nicht.

Die Wut der SPD/Grünen/SSW resultiert aus dem Mißlingen des ausgekungelten Ergebnisses. Das dann jemand wie Herr Carstensen davon profitiert, ist nicht wesentlich besser. Aber, verdammt noch mal, das ist immerhin demokratisch.

[ Bezug ]



Gruppendruck (keine/1) (#7)
von Willi Wamser
verfasst am 20.3.2005 um 19:49:44

Nuja, die Vorabstimmung war laut Spiegél geheim:

Sie habe keine Worte für diesen Vorgang, sagt die SSW-Landtagsabgeordnete Anke Spoorendonk. Sie schaut ratlos in die Kameras. Dann fällt ihr doch noch etwas ein. „Schlimm, schrecklich.” Von einer „Ferkelei” spricht SPD-Fraktionschef Lothar Hay in einer Pressekonferenz am Abend. Vor dem vierten Wahlgang habe er in seiner Fraktion eine geheime Abstimmung veranlasst. „Da haben 29 von 29 Abgeordneten für Simonis gestimmt”, sagt Hay. Er könne nicht völlig ausschließen, dass der Abweichler bei den vier Abgeordneten der Grünen oder den zwei SSW-Abgeordneten zu finden sei. „Aber nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit” komme der Verweigerer aus der SPD. „Dies ist einer der schwärzesten Tage für die Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein.” Hinter der Entscheidung des einen Unwilligen stecke „politisches Kalkül”. Derjenige habe „gewusst, was er erreichen will”.

Weiß nicht so recht:

Welche Argumente sprechen nun eigentlich gegen die Argumente (b) bis (e)?

(b)
Bei einer Probeabstimmung, die ja geheim ist, würde man seine Meinung outen, aber nicht seine Person. Zeigt man  sein zukünftiges Wahlverhalten, so liefert man damit den Parteistrategen eine solide Prognose für das Nichtzustandekommen oder das Zustandekommen eines Regierungsbündnisses.

(c)
Es mag einem Angehörigen einer Partei durchaus zuzumuten sein, für die Arbeit der Partei die entsprechenden generellen Informationen zu präsentieren. Der Partei und ihren Repräsentanten kann man bei entsprechenden Informationen einen erheblichen Gesichtsverlust ersparen. Will man diesen Gesichtsverlust in der aktuellen knappen Simonis-Sache, so gibt man in der Probeabstimmung nicht seine eigentliche Stimmentscheidung preis.

(d)
Ich sehe nicht, inwiefern derjenige  gegen sein Gewissen verstößt oder als „Stimmvieh” agieren muss, der mit einer parallelen Vor-Stimmabgabe das tatsächliche Meinungsbild erschließen lässt. Und es scheint mir auch richtig zu sein, aus Solidarität mit der Partei, der man angehört, dieser seinen Partei das reale Meinungsbild nicht vorzuenthalten. Es sei denn, man hat ein erhebliches und berechtigtes Interesse daran, die Partei und ihre Chefin einer erheblichen Blamage auszusetzen. Erheblich deshalb, weil ja bereits bei einer parallelen Stimmabgabe - so wie das Setting war - eine „kleine Lösung” irreal geworden wäre und damit eine andere Lösung als mit Simonis ins Spiel gekommen wäre. Kurz: Die akute Stimmensache hat einen erheblichen „provokativen Mehrwert”. Und dieser Stellenwert ist wohl auch dann zu bedenken, wenn man seine Stimmtscheidung als „freie Gewissensentscheidung” betrachtet.

(e)
Ist man - vgl. c - als „Parallelstimmler” ein „geistloser Mitläufer”, ein gefügiges Mitglied? Und falls das nicht so ist: Sind  die Wut über den Abweichler und die darauf aufbauenden Schimpftiraden  wirklich ein Indikator für „Demokratie- und Parlamentarismusfeindlichkeit”?

Mir scheint,  Urteile wie in (e) sind der Textsorte „meinungsbildender Kommentar” angemessen. Aber  sie greifen bei der Wahl ihrer Parameter wohl so hoch wie die Sündenbockurteile tief .....




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Mögliche Gegenargumente...: (5.00/3) (#8)
von Soenke Greimann
verfasst am 20.3.2005 um 20:37:57

…b) in einer solchen Probeabstimmung hilft man den Suchenden Whips dabei, den Störenfried einzugrenzen. Kaum einer, um dessen politisches Überleben es geht, zündet Rauchsignalfeuer, wenn zu erwarten ist, daß die Einschläge dann rapide auf die eigene Stellung zugehen werden. In anderen Worten: Solange nicht sicher ist, in welcher Fraktion man zu suchen hat, ist ein kleines Mehr an Sicherheit vorhanden.

…c) das ist eine Frage des politischen Willens, sicherlich. Allerdings kann man auch die Frage stellen, wie denn eine solche Information auszusehen hätte, damit sie nicht eine präemptive Hexenjagd, die ja in ähnlicher Form jetzt losbricht, auslösen würde. Man müßte auch dort anonym agieren, mit der Folge, daß umso härter Druck auf die einzelnen Abgeordneten ausgeübt würde.

…d) siehe c). Es ist zu erwarten, daß selbst bei einer „offenen” Enthaltung während einer geheimen Probewahl dann die Daumenschrauben angezogen werden, bei jedem Einzelnen… bis dann wiederum die „Geschlossenheit” der Partei demonstriert werden kann… Und bringt einen das weiter? Nö. Man müßte sich nach wie vor der Gewissensentscheidung in dem Augenblick stellen, in dem sie anstünde. Nämlich bei der MP-Wahl im Landtag… Mit der Folge, daß bei einer dann erfolgenden Dissention die Unbill womöglich noch größer ausfiele als jetzt.

…e) abgesehen von der Motivlage: Es ist sicherlich möglich, daß ein Abgeordneter sich verpflichtet fühlt, die (innerhalb einer Partei) demokratisch zustandegekommene Meinung zu vertreten. Es ist jedoch auch möglich, und dieses Problem wird bei knappsten Mehrheiten umso virulenter, daß er sein Gewissen als höherrangig bewertet. Wer aus dem Verborgenen agiert, hat meist gute Gründe dafür. Und die Reaktionen unterstreichen diese Gründe auch.

Tatsache bleibt: Der Abgeordnete ist seinem Gewissen und seinen Wählern verpflichtet und dann lange, lange niemandem mehr. Daß die Partei mitunter auch Teil daran hat, daß er aufgestellt wird, ist nicht von der Hand zu weisen, aber die Partei sollte nicht das Abstimmungsverhalten ihrer Abgeordneten in der eisernen Hand halten, wie sich das wohl einige vorstellen…

[ Bezug ]



Nur kurz (keine/0) (#9)
von Willi Wamser
verfasst am 20.3.2005 um 20:45:12

ich sehe nicht, wie bei einer geheimen Probeabstimmung die Argumente b bis e entkräftet oder geschwächt würden.

[ Bezug ]


Einfache Mengenlehre: (keine/0) (#10)
von Soenke Greimann
verfasst am 20.3.2005 um 22:03:55

Verdächtige(Fraktion) < Verdächtige(Landtag) - CDU - FDP

[ Bezug ]


Die These (keine/0) (#12)
von Willi Wamser
verfasst am 21.3.2005 um 08:04:49

heißt:

Eine „wahre” geheime Probeabstimmung ist mit dem Kriterium der freien Gewissensentscheidung vereinbar.

Eine „abweichende” geheime Probeabstimmung und die daraus sich ergebenden Komplikationen für die Partei sind einem Abgeordneten zuzubilligen, wenn er eben diese Komplikationen für gerechtfertigt hält.

Die wütenden Äußerungen der Fraktionseinpeitscher werden überstrapaziert, wenn man daraus „Demokratiefeindlichkeit” und ähnliches ableitet.

[ Bezug ]



Nur eine Frage (keine/0) (#14)
von Lothar Struck
verfasst am 21.3.2005 um 08:24:09

Ist denn die Frage des Arbeitgebers nach einer Schwangerschaft der potentiellen neuen Angestellten auch zulässig ?

Ich glaube nicht.

[ Bezug ]



Interessenkonflikt (4.50/4) (#16)
von Ralf Poschmann
verfasst am 21.3.2005 um 08:59:20

Juristisch ist die Frage nach der Schwangerschaft nicht zulässig. In der Praxis führt dieses Gesetz aber dazu, dass auf vielen Stellen keine Frauen eingestellt werden. Wenn ich zum Beispiel eine 3-Mann-Firma leite und einen neuen Mitarbeiter brauche, weil die Arbeit etwas zu viel geworden ist für die paar Leute, dann werde ich auf diese Stelle keine junge Frau einstellen. Anderenfalls würde ich die Existenz meiner Firma aufs Spiel setzen.

Eine ähnliche Wirkung entfaltet das Gesetz über den verstärkten Kündigungsschutz für Leute ab 50. Dieses gut gemeinte Gesetz führt dazu, dass zum Beispiel im Baugewerbe allen Festangestellten kurz vor dem 50. Geburtstag gekündigt wird. In Extremfällen passiert beides gleichzeitig: Die (etwas vorzeitige) Gratulation zum Geburtstag und die Überreichung der Kündigung.

Eine Firma unterliegt anderen Spielregeln als die gesamte Gesellschaft. Für die Firma liegt der Überlebenshorizont meist bei ein bis zwei Jahren, das Denken in Generationen zahlt sich ökonomisch für sie im Vergleich zu ihrer Konkurrenz nicht aus. Wünscht man hier als Gesellschaft Änderungen, dann muss man ganz andere Hebel in Bewegung setzen als solche simplen Verbote.

Was mir zum Beispiel an dieser Stelle einfällt: Man macht ein Gesetz, dass die Aufteilung des Erziehungsurlaubs zwischen Mann und Frau zwingend vorschreibt. In diesem Fall wird das Schwangerschaftsrisiko zwischen Männern und Frauen gleichmäßig aufgeteilt. Eine Firma, die einen jungen Mann eingestellt hat, muss damit rechnen, dass dieser nach der Entbindung seiner Frau in den Zwangserziehungsurlaub geschickt wird. Ganz nebenbei verbessert das die Chancen älterer Arbeitnehmer, denn das Risiko eines fünfzigjährigen Mannes, dass dessen gleichalte Frau an einer Schwangerschaft „erkrankt”, sind bedeutend geringer als die des sonst bevorzugten frischen Hochschulabsolventen.

[ Bezug ]



Wenn, dann... (keine/1) (#24)
von Hildegard K. Thies
verfasst am 22.3.2005 um 00:25:31

Wenn ich zum Beispiel eine 3-Mann-Firma leite und einen neuen Mitarbeiter brauche, weil die Arbeit etwas zu viel geworden ist für die paar Leute, dann werde ich auf diese Stelle keine junge Frau einstellen. Anderenfalls würde ich die Existenz meiner Firma aufs Spiel setzen.

Als ich mit Mitte Zwanzig nur etwa sechs Jahre bei meiner Vermieterin blieb, nahm sie eine ältere Dame, weil sie meinte, die würde ihr wenn nicht auf immer, so doch viel länger erhalten bleiben. Da hatte sie sich verrechnet. Zwei Jahre später zog die alte Dame in das Hochhaus, wo schon ihre Tochter wohnte. Die Mutter hatten sie einfach erst mal in unsere Stadt geholt und dann sahen sie weiter.

.... Wünscht man hier als Gesellschaft Änderungen, dann muss man ganz andere Hebel in Bewegung setzen als solche simplen Verbote.
Was mir zum Beispiel an dieser Stelle einfällt: Man macht ein Gesetz, dass die Aufteilung des Erziehungsurlaubs zwischen Mann und Frau zwingend vorschreibt. In diesem Fall wird das Schwangerschaftsrisiko zwischen Männern und Frauen gleichmäßig aufgeteilt....

So ist es! Siehe Schweden. Die schreiben zwar die Aufteilung auch nicht zwingend vor, aber es hat finanzielle Nachteile, wenn nur einer in Erziehungsurlaub geht.

Ganz nebenbei verbessert das die Chancen älterer Arbeitnehmer, denn das Risiko eines fünfzigjährigen Mannes, dass dessen gleichalte Frau an einer Schwangerschaft „erkrankt”, sind bedeutend geringer als die des sonst bevorzugten frischen Hochschulabsolventen.

Und wenn die älteren Männer eine junge Frau im gebärfähigen Alter haben, gibt es noch ganz andere Konstellationen.    


[ Bezug ]


Hm (keine/1) (#15)
von Willi Wamser
verfasst am 21.3.2005 um 08:36:22

bei allem Schmunzeln über die Analogie:

Wäre es mit dem Arbeitsethos und der Freiheit der Information zu vereinbaren, dass die beréits Angestellte möglichst frühzeitig ihrem Chef die Schwangerschaft mitteilt, damit der entsprechend planen kann?

Und wie fair wäre das Verhalten einer Angestellten, die eine Schwangerschaft erst dann mitteilt, wenn sie unübersehbar ist? Und  auch nicht mehr durch andersgeartete Gewichtszunahme zu erklären ist?

[ Bezug ]



Zugegenermaßen... (keine/0) (#20)
von Lothar Struck
verfasst am 21.3.2005 um 13:19:39

…war mein Vergleich etwas „schief”. Und völlig einverstanden mit der Loyalität der Angestellten seinem Chef gegenüber.

Und natürlich auch einverstanden mit Ralf und die Folgen dieser Gesetzgebung (teilweise aus eigener Anschauung).

Mir ging es nur darum: Wenn ein Chef eine Frau einstellen möchte, darf er zwar die Frage nach einer Schwangerschaft stellen - aber die Frau muß diese nicht wahrheitsgemäß beantworten. Hat sie gesagt, daß sie nicht schwanger ist und es stellt sich nach kurzer Zeit heraus, daß sie gelogen hat, darf ihr aus diesem Grund nicht gekündigt werden.

Will sagen: Es gibt Fälle, in denen man bewußt lügen „darf”.

[ Bezug ]



Liegt das Problem (keine/0) (#19)
von Rainer Müllan
verfasst am 21.3.2005 um 12:53:18

nicht einfach darin begründet, dass wir

a) einerseits einen Abgeordneten haben, der vorrangig seinem Gewissen verpflichtet ist und

b) das Problem, dass er sich mitunter „ins Feuer setzt” wenn er „zu ehrlich” ist?

Anm: Mal abgesehen davon, dass er sich natürlich auch aus Boshaftigkeit so entschieden haben könnte.

[ Bezug ]



Jein... (keine/0) (#23)
von Lothar Struck
verfasst am 21.3.2005 um 15:58:21

…ein Problem liegt auch in der Art und Weise, wie Parteien ihre Listen besetzen - und damit im Wahlrecht ! Ein (relatives) Mehrheitswahlrecht würde Abgeordnete unabhängiger machen.

Ein Thema für einen richtigen Essay.

[ Bezug ]



Zusatzinfo (keine/0) (#25)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 22.3.2005 um 03:22:46

>Ein (relatives) Mehrheitswahlrecht würde Abgeordnete unabhängiger machen.
>Ein Thema für einen richtigen Essay.

Dies fordert auch Roland Berger.

Argumente für einen Essay.

[ Bezug ]



Immer mal wieder (keine/0) (#28)
von Lothar Struck
verfasst am 22.3.2005 um 07:55:01

Das Thema Wahlrecht ist in Wirklichkeit nicht neu; gelegentlich forderte es auch Helmut Schmidt immer mal wieder (der hat ja die Wankelmütigkeit der FDP zu spüren bekommen) und neulich Michael Naumann in der ZEIT.

 

[ Bezug ]



Heidi und das Schwein (4.50/4) (#3)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 19.3.2005 um 23:12:57

Es regnet in Strömen vor der schleswigholsteinischen Kaufhalle, wo der junge Genosse M. (16) nach der Schule gemeinsam mit der Altgenossin F. (66) Flugblätter für den Wahlkampf der SPD an mürrische Passanten zu verteilen sucht und gar hie und da ein Gespräch.

Der rote Sonnenschirm mit den Parteilogos hilft nur wenig gegen den steifen Nordostwind, der die kalten Februartropfen ins Gesicht und auf die Flugblattstapel peitscht. Aber die beiden sind finster entschlossen, ihren Teil dazu beizutragen, dass dieser Captn Blaubär nicht Ministerprädident ihres Landes wird, weshalb sie den örtlichen Direkt/-Listenkandidaten nach Kräften unterstützen wollen.

Gebannt saßen sie denn auch Mitte März vorm Fernseher - Altgenossin F. hatte eigens Plätzchen gebacken, als Juso M. aus der Schule ins örtliche Parteibüro kam - und spieen fast ihren Kaffee wieder aus, als das erste Abstimmungsergebnis kund ward. Das durfte wohl nicht wahr sein!

Was hatten sie sich abgerackert, nur um dann zu sehen, wie ein Doofbatz ihre ganze Mühe zunichte machte! Was hatte der gegen Heidi? Hatte die zwischendurch was Doofes getan, dass einer seine Haltung hätte ändern müssen?

Eigentlich nicht. Also hatte irgendein Schwein es nur darauf angelegt, für die SPD in den Landtag einzuziehen, damit Captn Blaubeer Minipräsi wird! M. und F. sahen sich fragend an. Ihre Blicke signalisierten deutlich: Wenn das der war, für den wir im Regen Flugblätter für Heidi und für die SPD verteilt hatten, dann kann das Schwein was erleben!



Wirklich eine schöne Geschichte... (keine/1) (#4)
von Lothar Struck
verfasst am 20.3.2005 um 11:30:27

…ein bisschen kitschig vielleicht und diejenigen nonchalant vergessend, die für Käpt'n Blaubär an derselben Stelle im selben Regen stehen… na ja.

Worum es mir in diesem Kommentar geht ist, dass ein selbstverständliches Recht, nämlich in einer geheimen und freien Wahl sich so zu entscheiden, wie man es vor seinem Gewissen für richtig hält, dämonisiert wird. Und wie dies mittelfristig Menschen immer noch mehr gegen die Politik und deren Repräsentanten aufbringt. Kann man nicht, wie Peer Steinbrück (MP von NRW) einfach von einem „Abtrünnigen” reden ? Damit völlig einverstanden. Aber „Verräter” ? „Schwein” ? (Gewiss übrigens auch kein „Held” !) Welcher Art rhetorischer Lynchjustiz wird hier das Wort geredet ?

Jan hatte geschrieben, mein Kommentar sei zu negativ. Wenn man genau liest, stimmt das nicht. Denn das positive in der Geschichte ist ja jemand, der sich nicht verbiegen lässt ob seiner Meinung. Aus welchen Motiven er/sie dies tut, ist zunächst zweitrangig.  

Und noch was: Auch ich bin keine Freund der CDU. Aber hierum geht es nicht. Es geht um das parlamentarische System. Und da gibt es -das wurde bereits an anderer Stelle gesagt- kein imperatives Mandat. Diejenigen, die und das einreden wollen, sind in Wahrheit Verräter. Verräter am Parlamentarismus und am freien Abgeordneten.

Schließlich leben wir nicht in Nordkorea.    


[ Bezug ]



Kitsch as Kitsch can (keine/2) (#11)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 21.3.2005 um 01:54:01

>ein bisschen kitschig vielleicht und diejenigen nonchalant vergessend, die für Käpt'n Blaubär an derselben Stelle im selben Regen stehen… na ja.

Was ist an Authentizität denn kitschig? Der eiskalte Regen, der heiße Kaffee oder die selbstgebackenen Plätzchen? Oder die damit erreichte Schilderung der Betroffenheit der engagierten Basis? Oder ist gar die Basis kitschig und ihre emotionale Betroffenheit? Oder was?

Wer für Blaubär im Regen stand, wurde jedenfalls nicht enttäuscht noch hinterher im Regen stehen gelassen. Alle 35 Blau- und Gelbbären haben gegen Heide gestimmt. Was also soll das Argument an dieser Stelle? Hätte einer von ihnen für Heide gestimmt, hätte ich ebenso die blaugefronenen und danach enttäuschten Gesichter der Flugblattverteiler von CDU und FDP bedauert. Was also soll der Seitenhieb ohne Inhalt?

>Worum es mir in diesem Kommentar geht ist, dass ein selbstverständliches Recht, nämlich in einer geheimen und freien Wahl sich so zu entscheiden, wie man es vor seinem Gewissen für richtig hält, dämonisiert wird.

Welch ein Quatsch! Richtig wäre das, wenn meine Regierungschefin plötzlich ihre Haltung ändert und ich ihr nicht folgen mag. Dann halte ich mich natürlich lieber an mein Gewissen denn an Fraktionszwänge. Dies steht so auch in meinem Text, dass das eben nicht geschah.

Hier gehe ich hin und erzähle 200.000 Wählern meines Wahlbezirkes nicht, dass ich im Gewissen erhebliche Bedenken gegenüber Heide als Regierungschefin habe oder einem Rotgründänisch-Bundnis.

Nein, ich lächele süß und sozialdemokratisch, dass alle 200.000 denken, „Mich wählen heißt Heide wählen. Und Blaubär verhindern.” Und 2.000 Genossen im kalten Regen mich unterstützen und 100.000 Wähler mich wählen.

Jede Hand, die ich schüttelte im Wahlkampf und jedes Kind, das ich herzte, war demnach ein Betrug. Alles unter der Prämisse, dass ich damals schon finster entschlossen war, Heide zu verhindern. Ja, nicht nur das, sie direketemang auflaufen zu lassen und damit auch noch die Genossen in NRW und im Bund zu schädigen.

Habe ich das aber erst später beschlossen, dann warum? Heide hat sich nicht geändert, auch nicht das SPD-Programm noch das der Grünen oder der Dänen. Koalitionsverhandlungen hatten wohl kaum Abweichendes ergeben.

Hatte sich für mich etwas geändert? Hatte ich intern erfahren, dass ich doch nicht für einen Staatssekretärsposten vorgesehen bin? Oder dass die Umgehungsstraße in meinem Wahlkreis doch nicht bezuschusst wird?

Nu, das muss natürlich gerächt werden. Nicht gleich, in der Fraktionsabstimmung, sondern deftig und öffentlich.

Also bin ich wohl ein Schwein.

[ Bezug ]



"Mich wählen" heißt zunächst einmal... (4.66/3) (#21)
von Soenke Greimann
verfasst am 21.3.2005 um 13:40:49

…"Mich wählen" und eben nicht „Heide wählen”, „Blaubär verhindern” oder sonstwie was. Denn sonst könnte man sich die Aufstellung von einzelnen Abgeordneten aucch genausogut sparen, zwei Leute auf den Wahlzettel schreiben und dann wählen lassen.

Jeder Wahlhelfer, jeder Wähler weiß (oder sollte wissen), daß er einer ganz bestimmten Person hilft oder er eine bestimmte Person wählt. Manch einer mag bestimmte Personen nicht und hilft trotzdem, aus Parteiräson, manch einer wählt eben Liste, wenn er die Fratze auf dem Plakat nicht wählen will, aber trotzdem sozialdemokratisch eingestellt ist.

Wer allerdings glaubt, daß Abgeordnete ihren freien Willen an der Pforte zur Fraktionssitzung abgeben, der ist schlicht schlicht gestrickt oder hat ein verqueres Bild unseres politischen Systems. Es gibt im Verfassungsrecht keine so geartete normative Kraft des Faktischen. Es ist immer damit zu rechnen, daß sich Leute bei Abstimmungen anders entscheiden, denn sonst könnte man sich die Abstimmung ja auch sparen, nicht?

So etwas sollte öfter vorkommen, dann würde sich auch der Einfluß der Parteibonzen allerorten relativieren. Das ist ja das Problem: Wenn Münte spricht, spricht er auch für die SPD-Fraktion im Bundestag und möchte gern auch für alle SPD-Abgeordneten in den Landtagen sprechen. Pustekuchen, der Mann spricht für eine Partei und was die Leute in den Gremien machen, steht grundsätzlich auf einem anderen Blatt. Im Bundesrat schon öfter vorgekommen, daß Landesfürsten sich gegen die Partei wenden, weil Landesinteressen vorrangig sind. Das wurde dann komischerweise von der Partei auch immer als eine Art „Verrat” gewürdigt…

Ich bleibe dabei, der Mann ist kein Schwein. Seine Gründe, im Dunklen zu bleiben sind angesichts der Druckkulisse mehr als verständlich. Und betrogen fühlen muß sich nun wirklich keiner, der im Regen gestanden hat, jedenfalls nicht, solange noch gar nicht sicher ist, wer quergeschossen hat. Diese Präventivbetroffenheit hilft gerade mal keinem und ist in meinen Augen nichts als hypothethischer Quargel.

[ Bezug ]



Wer ein Heiratsversprechen gibt, (4.33/3) (#26)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 22.3.2005 um 03:52:09

sollte sich der Partner vor der Hochzeit besser nur dann aus dem Staub machen, wenn er neue Infos über Braut oder Bräutigam erhält, also dass sie oder er schwul oder lesbisch ist oder plötzlich für die Atomkraft.

Bei Heide war dies offenkundig nicht der Fall. Wer also unter dem roten Sonnenschirm der SPD Stimmen sammelt, wenn auch für ihn persönlich, von dem wird angenommen - und das weiß er auch -, dass er für Heide stimmen wird.

Andernfalls steht es ihm frei, dies in seinen vielen Wahlkampfreden deutlich zu machen. Auch wenn er nur erwähnte, zwar voll hinter Heide zu stehen, nicht aber hinter der südschleswigschen Gemeinschaftsschule oder der grünen Ehe für Schwule.

Dann erst ist es eine Persönlichkeitswahl: Wählt mich, liebe Lübecker, den Gerd mit seinen Ecken und Kanten! Die ihr ja kennt, wenn nicht, nenne ich sie hier.

Nicht aber, wenn ich unter dem roten SPD-Schirm Wahlkampf mache und meine Persönlichkeit nicht nur dahinter verstecke - auf dass alle Lübecker vertrauen, ich stünde hinter der SPD und hinter Heide - und die auch noch in der Fraktionssitzung verstecke, wo ich schon bei den Koalitionsverhandlungen hätte sagen können: „Nein, zur Gemeinschaftsschule und zur Schwulenehe (oder sonstwas) sage ich ganz klar Nein! Das lässt sich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.”

Dass diesem Mann und seiner geheuchelten Haltung viele Freiwillige geholfen haben, sein Mandat zu erringen, ist sicher mehr als „hypothetischer Quargel”, Soehnke, das ist passiert. Sicher begründet die freiwillige Hilfe vor Ort noch kein imperatives Mandat. Aber ein Schwein ist dennoch, wer dem Fußvolk keinen reinen Wein einschenkt!

Bei Christian Ströbele wussten alle Wähler in meinem Kiez und Wahlbezirk, dass er nie nach Fischers Pfeife tanzen wird. Und auch, dass er sich auch von keiner Vertrauensfrage Schröders zu einer Zustimmung zu einem Kriegseinsatz bewegen lassen wird entgegen seinem Gewissen.

Er hat das keinem verheimlicht, keinem Wähler und keinem Wahlhelfer in Kreuzberg, und wurde so gewählt wie bekannt (wie er bekannt war und wie er ist), mit Mehrheit als Direktkandidat knapp vor dem SPD-Mann. Als einziger Grüner in ganz Deutschland übrigens.

Warum also ist einer kein Schwein, der unter der Prämisse, oder gar dem Versprechen, Heide zu wählen, gewählt wird von seinen Lübeckern oder Neumünsteranern, um dann - ohne erkennbare Wandlung der Politik der Heide - die dann öffentlich zu massakrieren?

Kam der Herr über ihn auf seinem Ritt auf dem Esel von Lübeck oder Neumünster nach Kiel? Um ihm zu offenbaren, dass das Bündnis SPD-Grüne-Dänen des Teufels?

Nun gut, irgendwas war jedenfalls über ihn gekommen. Ist es was Redliches, ist er kein Schwein. Vielleicht überkam ihn ja plötzlich, dass das parlamentarische System ein schweinisches ist. Dann musste er natürlich seinem Gewissen folgen. Da bin ich auch gar nicht gegen.

[ Bezug ]



Andere Interpretation (keine/2) (#27)
von Ralf Poschmann
verfasst am 22.3.2005 um 07:40:55

Es gibt ja noch eine andere Interpretation für das Verhalten des Abweichlers: Wie wäre es, wenn er im Wahlkampf ehrlich versprochen hätte, Simonis zu wählen, weil er davon ausgegangen war, dass die SPD stärkste Partei wird. Das ist sie aber nicht geworden. Man kann jetzt geteilter Meinung sind über die Legitimation von Minderheitenregierungen. Aber ich stehe gewiss nicht allein mit der Meinung, wenn ich sage, dass es allgemeiner Brauch bei uns ist, dass die stärkste Partei die Regierung und den Ministerpräsidenten stellt.

Unter diesem Aspekt ist die Situation für den Abweichler vor und nach der Wahl tatsächlich eine andere. Nach der Wahl musste er erleben, zu welchen abenteuerlichen Konstruktionen seine Genossen greifen, allein um des Machterhalts willen. Welchen verheerenden Eindruck sie damit beim Volk hinterlassen, scheint ihnen vollkommen egal zu sein. Es trifft in diesem Fall zufällig die SPD, es hätte auch die CDU sein können, sie nehmen sich darin nichts.

Sich jetzt zu outen, wäre absoluter Selbstmord, vielleicht nicht nur politisch, sondern ganz real, für sich und seine Familie.

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Ausnahme (keine/2) (#29)
von Lothar Struck
verfasst am 22.3.2005 um 08:05:46

Aber ich stehe gewiss nicht allein mit der Meinung, wenn ich sage, dass es allgemeiner Brauch bei uns ist, dass die stärkste Partei die Regierung und den Ministerpräsidenten stellt.

Allgemeiner Brauch ist es - insbesondere auf Landesebene. Dennoch gibt es mindestens eine gravierende Ausnahme, und zwar bei der Bundestagswahl 1969. Hier stellten CDU/CSU die stärkste Fraktion (46,1 % der Zweitstimmen), aber es gab die Möglichkeit einer SPD/FDP Koalitionsregierung (SPD 42,7 % - FDP 5,8 %). Der damalige FDP-Vorsitzende Walter Scheel war zwar nicht explizit mit einer Koalitionsaussage in den Wahlkampf gegangen, aber die Gelegenheit nahm man war (begünstigst übrigens durch 4,3 % NPD Stimmen, die sicherlich CDU/CSU fehlten).

Gustav Heinemann als Bundespräsident beauftragte die SPD mit Koalitionsverhandlungen, was seinerzeit für einigen Wirbel sorgte, da einige davon ausgegangen waren, daß er mindestens dem Brauch folgend, auch diesmal zunächst CDU/CSU beauftragen würde.

Ich wäre auch nicht unbedingt gegen Minderheitsregierungen (in Skandinavien beispielsweise funktioniert das oft ganz gut). Was mich (und vielleicht dann auch den Abtrünnigen) enorm gestört hat, war die ritualisierte Vorgehensweise der SPD unter Simonis, die zwar auch Verhandlungen mit der CDU führte (und diese auch große Zugeständnisse gemacht hat - wohlwissend, daß dies sowieso nichts bringt) - letztlich jedoch kam es ihr nur darauf an, den Posten zu behalten.

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Ein gravierendes Argument (keine/0) (#30)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 22.3.2005 um 09:42:00

Sollte ein Abgeordneter der SPD wirklich von seinem Gewissen gerührt geworden sein, weil die CDU mehr Stimmen hatte als die SPD und er es mit demselben nicht vereinbaren konnte, dass Heide Minipräsi wird,

dann hätte er ja entsprechend dem Mehrheitswahlergebnis sich ergeben können und Cäptn Blaubehr wählen. Wenn ihm denn sein Gewissen zuflüsterte, der hatte ja mehr Stimmen des Volkes, also kriegt er auch meine Stimmme.

Wie Lothar aber zu recht anmerkt, war bei der "Willy-wählen"-Wahl 1972 auch eine kleine sozialliberale Koalition keine Schande. Hätte Heinemann erst Barzel den Auftrag gegeben, eine Regierung zu bilden, wäre nur unnütze Zeit verstrichen, da er wusste, dass Scheel Brandt favorisierte.

Was ich aber gar nicht mag, sonst sehr geschätzter Ralf, ist der landläufige Ausdruck „Man kann jetzt geteilter Meinung sind”.

Nicht wegen des „sind”, sondern weil man einfach nicht geteilter Meinung sein kann, als man. Also als einfacher Mensch. Aber selbst als Gruppe kann man das nicht. Allerhöchstens unterschiedlicher Meinung.

Der schräge Ausdruck stammt meiner geteilten Meinung nach aus dem Sportjournalismus, wo man auch mal fast Bruno Labadia in den Duden brachte mit „hochsterilisieren” u.ä.

Hier sage ich mal als ehemaliger Linksaußen: Man kann unterschiedlicher Meinung sein, aber kaum geteilter.

Lieber Gruß aus Berlin, Gerd

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Schiefe Bilder (keine/0) (#31)
von Ralf Poschmann
verfasst am 22.3.2005 um 10:31:43

Mit deinem Sprachgefühl zu „geteilter Meinung” hast du sicher recht. Es lassen sich noch eine Unmenge weitere schiefe Bilder finden, mein persönlicher Favorit im Politsprech ist „ehemalige DDR”, weil das eine noch existierende zweite DDR impliziert. „Ehemalige BRD” ist dagegen korrekt, weil diese mit geänderter Größer weiterexistiert.

Persönlich glaube ich auch nicht an die edle Entscheidung aus Gewissensgründen, aber für die politische Klasse der Bundesrepublik ist es schon bezeichnend, dass zuerst die moralisch schlechtesten Gründe angenommen werden. Altes Prinzip der Psychologie: Man geht immer von sich selbst aus. D.h. diejenigen, die heute so denken, würden in einer vergleichbaren Situation ähnlich handeln.

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Lass uns doch mal sammeln! (keine/0) (#32)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 22.3.2005 um 11:08:30

Ralf, ganz unschuldig, wie wennze in die Pilze gehst.

Was finden wir da? Auch wenn sich nachträglich noch ein würdevolles und glaubhaftes Motiv für das mögliche Schwein ergibt, wir sollten als Trüffelschweine der deutschen Sprache schon suchen, was uns so zwischen den Pilzen in die Hände fällt.

Sach ich ma krass: „Über den Elfmeter kann man sicherlich geteilter Meinung sein” kann man sicherlich nicht. Wo sammeln wir dann die güldenen Bonmots unserer liebsten Sportreporter?

Ab Samstag in zwei Wochen vielleicht in meinem Tagebuch. Bis dann, Gerd

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Ein Hinkelvergleich... (keine/0) (#33)
von Soenke Greimann
verfasst am 22.3.2005 um 12:29:14

…ist der mit dem Heiratsversprechen. Denn erstens ist das Versprechen, Heide zu heiraten, nur gegenüber Heide irgendwie relevant, und nicht etwa gegenüber den Capulets und Montague, die ihm den Weg zur Julia Simonis bahnten. Diese Art Verpflichtungsdenken in arrangierten Hochzeiten findet in der Politik höchstens dort Anwendung, wo das freie Mandat nix gilt.

Ebenso könntest Du nämlich die Entscheidung eines Abgeordneten in jedem einzelnen Fall determinieren, ob es nun um das Antidiskriminierungsgesetz geht, oder um ein anderes, anstehendes Reförmchen. Kannste immer sagen: Nö, der hat doch von vielen, braven sozialdemokratischen Fußsoldaten Unterstützung im Wahlkampf gekriegt, soll das blöde Schwein doch auch gefälligst abstimmen wie es Münte (lies: die SPD) will… Gewissen? Wer braucht das? Was Du praktisch forderst ist eine Berechenbarkeit des Abstimmungsverhaltens für die ganze Legislaturperiode und die gibt's nunmal nicht. Nicht für den Genossen am Wahlstand und auch nicht für den Michel an der Urne. Deshalb ist es ja eine repräsentative Demokratie, und keine programmierbare.

Wenn einer Heide nicht wählen will, dann wählt er sie nicht. Punktum. Und wenn er das nicht öffentlich tun muß, dann geriert man sich schlecht, wenn man dies als moralisch unlauter darstellt. Punktum. Denn sonst müßtest Du mir irgendwie sinnhaft erklären, weshalb es denn sonst geheime Abstimmungen überhaupt gibt wenn nicht für solche Fälle wie diesen, in denen man lieber nicht öffentlich Gegenwind produziert, weil einen der zu erwartende Sturm davonzublasen droht.

Du wirfst ihm Heuchelei vor? Mit Verlaub, nur weil er eine große Koalition will, muß er ja nicht gleich Carstensen mit den Stimmen der FDP wählen, gelle? Die geheime Enthaltung war schon das einzig mögliche, was dem Mann geblieben ist.

Christian Ströbele taugt als Gegenbeispiel auch herzlich wenig. Der Mann wird ja übers Direktmandat gewählt, weil er immer „dagegen” ist. Das selbsterklärte Gewissen der Grünen-Bundestagsfraktion würde ja über Listen allein vermutlich nicht mal mehr ein Blumentopfamt bekommen…

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Wie erwähnt (keine/0) (#34)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 23.3.2005 um 11:00:18

rede ich keinem imperativen Mandat das Wort, und auch der Schweiß des Fußvolks vor der Kaufhalle oder deren blaue Finger sollten den Abgeordneten davon abhalten, seinem Gewissen zu folgen.

Ich stellte nur die Frage, ob sich sein Gewissen seit dem Wahlkampf derart gewandelt hat, dass er Heide plötzlich nicht mehr wählen mag. Dann ist ja jut.

Hat er das schon vorher gewusst, dann ist er halt ein Schwein. Betrug nennt ihr Juristen das, Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Punkt.

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Kitsch und Quatsch (keine/0) (#13)
von Lothar Struck
verfasst am 21.3.2005 um 08:09:29

Der Kitsch-Vorwurf an Deiner Schilderung zu den wackeren Kämpfern wider dem bösen CDU-Mann entspringt tatsächlich der „Authentizität” der selbstgebackenen Plätzchen und des eiskalten Regens.

Ich habe noch niemals gehört, daß Wahlen aufgrund des Engagements der (meist ehrenamtlichen) Wahlhelfer zu entscheiden sind bzw. ich mich aufgrund der „Betroffenheit” der „Basis” (wieder zwei absolute Hohlwörter, die alles und nichts aussagen) in einer Wahl zu entscheiden habe.

Was schlimmer wiegt, ist, daß meine Aussage über die freie Entscheidung in einer geheimen Wahl als „Quatsch” abgetan wird.

Es geht mir dabei weniger darum, das Verhalten des Abtrünnigen zu verteidigen, sondern die Art und Weise, wie dies dämonisiert wird, anzugreifen.  

Es ist durchaus vertretbar, wenn ein Abgeordneter, der einen Wahlkampf für Rot-Grün gemacht hat das Dreier-Bündnis Rot-Grün-SSW ablehnt. Erstens ist die Mehrheit sehr fragil und zweitens -das wiegt m. E. schwerer- wird durch ein Hineinnehmen eines dritten Partners (auch, wenn er nicht innerhalb der Koalition steht) die Kompromißgrenze arg strapaziert; es sind viele Rücksichten zu nehmen.

Für mich als Außenstehenden haftete vom Konfetti-Regen auf Heide Simonis in der Wahlnacht, nachdem sie gehört hatte, daß es doch noch reicht (übrigens bestimmt ein tolles Gefühl für die frei gewählten Abgeordneten zu sehen, wie man ihre Stimmen bereits in diesem Moment als eine Stimme subsummiert) bis zu der Unterzeichnung des Koalitons- und Duldungsvetrages stets der Hautgout des bloßen Machterhalts an. Sachthemen spielten nur dann eine Rolle, wenn es darum ging, sie so zu formulieren, daß alle drei ihnen zustimmen können.

Du unterstellst dem Abweichler Rache - was relativ wahrscheinlich ist. Ich sage auch nicht, daß er ein Held ist. Aber er ist auch kein Schwein. Oder ein Verräter. Und wenn Frau Simonis von „Dolchstoß” spricht, schießt sie weit über das Ziel hinaus und stilisiert nachträglich noch zum armen Opfer. Diese Haltung -mit Verlaub- kotzt mich an.

Und nur weil Du eine andere Meinung hast als ich, bist Du für mich übrigens auch kein Schwein.

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Menschenverachtlicher kann man es gar nicht mehr (keine/1) (#17)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 21.3.2005 um 09:59:08

ausdrücken:

>Ich habe noch niemals gehört, daß Wahlen aufgrund des Engagements der (meist ehrenamtlichen) Wahlhelfer zu entscheiden sind bzw. ich mich aufgrund der „Betroffenheit” der „Basis” (wieder zwei absolute Hohlwörter, die alles und nichts aussagen) in einer Wahl zu entscheiden habe.

… Und das Engagement von Schüler und Oma sind „Kitsch”!

Kein Argument hingegen dagegen, dass Heide seit Wahlkampfbeginn keine Veränderung ihrer Position zu was auch immer erkennen ließ. Warum also eine andere Abstimmungsposition?

Struck bleibt uns das Argument schuldig. Schludert aber auf Ehrenamtlichen rum.

Die für Heide im Regen ackerten, aber hintergangen wurden von einem, für den sie sich eingesetzt hatten.

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Menschenverachtlich ? (keine/0) (#18)
von Lothar Struck
verfasst am 21.3.2005 um 11:41:43

Merkwürdige Schärfe in dieser Replik, die ich nicht nachvollziehen kann und auch nicht möchte.

Engagements von Schülern und Omas sind übrigens kein Kitsch, aber Deine Darstellung kam mir etwas kitschig vor.

Wenn sowas menschenverachtend ist, dann bitteschön.

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Humbug, hooey and humgudgeon... (keine/1) (#22)
von Soenke Greimann
verfasst am 21.3.2005 um 13:46:16

…I'll say to this.

Du rührst hier hypothethischen Vapor-Brei an, der überhaupt nicht zur Debatte steht. Welche Ehrenamtlichen sind denn genau betrogen worden, in welchem Wahlkreis denn?

Und woher weißt Du denn, daß diese hypothetischen Betrogenen nicht wußten, daß „ihr” Abgeordnetenkandidat Befürworter einer großen Koalition ist?

Kannst Du mir das heute beantworten? Nein? Wieso führst Du dann Phantasiegestalten an, um eine von Dir vorgenommene Wertung zu begründen? Vor allem mit einer Rechthaberei, die nun wirklich ihresgleichen sucht…

Nee, Struck hier zu diskreditieren wird Dir nicht gelingen… Im Augenblick stehst Du voll in der Propagandaschiene der Münteferings und Kauders und noch nicht mal sonderlich elegant.

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Kleiner Nachtrag (keine/0) (#35)
von Lothar Struck
verfasst am 1.4.2005 um 08:21:08

Heidi hat den ihr im Regen stehenden Wahlhelfern und ganz Deutschland mitgeteilt, daß sie auch ihr Landtagsmandat zurückgibt.

Soviel zum Thema Rückgrat eines Politikers.

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Soviel zum Thema Rückgrat eines Politikers. (keine/0) (#36)
von Gerhard Lawitzky
verfasst am 3.4.2005 um 03:37:48

Noch wissen wir nicht, wer es ihr so heimtückisch gebrochen hat.

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Hm (keine/0) (#37)
von Lothar Struck
verfasst am 4.4.2005 um 09:52:25

Weder würde ich von Heimtücke sprechen, noch ist eine Wahlentscheidung mit dem Bruch des Rückgrats zu vergleichen.

Frau Simonis möchte sich wohl nur das profane Dasein als „MdL” nicht antun.

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Verständlich. (keine/0) (#38)
von Michael Oltmanns
verfasst am 15.4.2005 um 10:45:18

Wer mal in der 2. Liga als Trainer gewirkt hat, der hofft auf die Bundesliga, aber nicht auf eine Verwendung als Wasserträger unter den Spielern, die sie vorher disziplinieren musste.

Offensichtlich möchte sie aber aber in die Championsleague und sucht internationale Betätigungsfelder in der Entwicklungshilfe.

Hoffentlich zeigt sie da mehr Kompetenz als bei der medienwirksamen Aufforstung mit Windkraftanlagen unter Auftürmung von überproportionalen Schuldenbergen.

He!de ist Fachfrau für Finanzen, wie in den diversen „Nachrufen” immer wieder betont wird.

Kein Wunder, dass sich bei solchen „Experten” immer weniger Menschen Vertrauen in die Durchsetzungskraft von Politikern haben.


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Verständlich vielleicht... (keine/0) (#39)
von Lothar Struck
verfasst am 16.4.2005 um 00:02:34

aber auch unwürdig.

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Schwein sein | 39 Kommentare (37 inhaltlich, 2 redaktionell, 0 versteckt)

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