Wir empfinden die von uns geschaffene Zivilisation (stimmt nicht ganz, Kulturen werden nicht geplant, sie verlaufen evolutionär) nur mehr intuitiv als unangenehm und haben sogar gelernt, das anfängliche Unbehagen in Lust zu wandeln. Ob dies nun z.B. das gedrängte Zusammenleben in den Großstädten, die Verwendung von Parfum oder das Verzehren der Speisen mit Besteck ist, all diese Erscheinungen sind uns heute lieb und teuer, obwohl sie eine Denaturierung unseres Wesens sind, dessen Unterbewusstsein das sehr wohl wahrnimmt und dafür einen Preis bezahlt, einen hohen.
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Alle psychosomatischen Effekte dieser Entwicklung jetzt aufzählen zu wollen, würde nicht nur diesen Rahmen erheblich überlasten und wäre selbst dann unvollständig, weil die Forschungen der psychologischen Medizin, wie auch jene der Sozialwissenschaften hier noch lange nicht zu Ende sind, falls sie das überhaupt jemals sein werden. Aber einige Therapien für Nebenäste unserer Zivilisationskrankheit können wir uns wenigstens betrachten. Für den zivilisatorisch geschädigten Körper gibt es seit geraumer Zeit probate Mittel zur Heilung oder zumindest zur Linderung. Man setzte der Bewegungsarmut, die nun mal mit dem Sitzen an Schreibtischen einhergeht, die Bewegung entgegen. Ein auf Anhieb einleuchtender, logischer Schritt. Der moderne Büromensch läuft also wieder. Nicht mehr hinter flüchtender Beute, sondern hinter seinem Jogging-Nachbar oder persönlichen Rekorden her. Dies hat nicht nur eine positive Auswirkung auf das physische Wohlbefinden, auch der Geist erfährt eine Reinigung, Auslüftung der oberen Stuben nennen es manche. Für den Körper wird überhaupt sehr viel getan, und besonders den Jugendlichen in den unaufhörlich wachsenden Ballungszentren wird die regelmäßige Leibesertüchtigung von Sportmedizinern und Soziologen wärmstens ans Herz gelegt. Erstere haben eher die Gesundheitskomponente im Auge, während der zweiten Gruppe nicht unbekannt ist, dass Sport das Aggressionspotenzial herabmindert. Eine Herabminderung, die, falls man dem Verhaltensforscher Desmond Morris Glauben schenken darf, gar nicht notwendig ist, sind wir Menschen doch seiner Meinung nach, das friedlichste Lebewesen dieser Erde. Eine andere Spezies hätte sich, so behauptet er, längst ausgerottet, müsste sie unter ähnlichen Bedingungen leben, wie wir es tun.
Hier gilt es einzuhaken und endlich zum eigentlichen Thema zu kommen. Warum sind wir so ausnehmend friedlich (im Vergleich zu anderen Rassen dieses Planets)? Weil uns die Evolution hervorragende Ventile geschaffen hat, die es verhindern, den unmittelbaren Nachbarn bei Zwistigkeiten sofort zu eliminieren. Flucht ist unmöglich - man kann nicht dauernd übersiedeln, wenn man Streit hat -, also greift man zu anderen Behelfen, um mit einer prekären Situation fertig zu werden. Einige Betroffene wählen leider unwillkürlich das Mittel der Autoaggression und werden durch den Verdauungsversuch der Kränkung leidend an Physis und Psyche. Eine unerquickliche Entfaltung, die nicht sein müsste, hätte nicht eine Erziehung zur übertriebenen Zurückhaltung (vermutlich das größte Übel der modernen Menschheit) stattgefunden. Die anderen, welche ebenfalls genau wissen, dass einige Auseinandersetzungen ein hohes Eskalationspotenzial haben, kehren auch rechtzeitig um und belassen Wut und Gram segensreicherweise an der Oberfläche. Und beginnen für sich oder in Gegenwart einer oder mehrerer Vertrauenspersonen zu schimpfen und vor allem - zu lästern. So verblüffend es scheint, es entsteht dadurch kein Schaden, sondern ausschließlich Nutzen. Der Geschmähte hört die Verbalinjurien nicht, mit denen er bedacht wird, kann sich aber denken, dass sie stattfinden, und ist gut beraten, wenn er in gleicher Weise verfährt. Es gilt hier jedoch davor zu warnen, das Lästern mit der üblen Nachrede gleichzusetzen oder gar mit dem Rufmord. Unhaltbare, ehrabschneidende Behauptungen über eine Person von hintenherum in die Öffentlichkeit zu lancieren, können von keinem vernünftigen Menschen toleriert werden. Mit Infamie oder Kabale hat das Lästern nichts zu tun, es ist nicht einmal entfernt verwandt damit. Es ist viel mehr der harmlose Ableger der einst ungeplanten Gewalt, der affekthaften Maulschelle ins Gesicht des Widerparts, des ungestümen Fußtritts ans Bein des Kontrahenten, wenn man so will. Die Zivilisation kontrolliert unsere körperliche Gewalt, und die Evolution passt sich an und kanalisiert sie um. Gegen diese psychohygienische Maßnahme und Wohltat lässt sich eigentlich nichts vorbringen, außer man ist ein französischer Dichter des ausgehenden Mittelalters, aber François Villon hatte bestimmt die Perfidie des Rufmords im Sinn, als er schrieb:
Die Ballade von den Lästerzungen
In Kalk, noch ungelöscht, in Eisenbrei,
in Salz, Salpeter, Phosphorgluten,
in dem Urin von ross'gen Eselsstuten,
in Schlangengift und in Altweiberspei,
in Rattenschiss und Wasser aus den Badewannen,
im Saft von einem Krötenbauch und Drachenblut,
in Wolfsmilch und dem sauren Rest der Rotweinkannen,
in Ochsengalle und Latrinenflut:
In diesem Saft soll man die Lästerzungen schmoren.
In eines Katers Hirn, der nicht mehr fischt,
im Geifer, der aus den Gebissen
toller Hunde träuft, mit Affenpiss' vermischt,
mit Stacheln, einem Igel ausgerissen,
im Regenfass, drin schon die Würmer schwimmen,
krepierte Ratten und der grüne Schleim
von Pilzen, die des Nachts wie Feuer glimmen,
in Pferderotz und heißem Leim:
In diesem Saft soll man die Lästerzungen schmoren.
In dem Gefäß, drin alles reingerät,
was so ein Medikus herausholt aus den schwieren
Gedärm an Eiter und verpestetem Sekret,
in Salben, die sich in den Schlitz sich schmieren,
die Hurenmenscher um sich kalt zu halten,
in all dem Schmodder, den die Lust
zurück lässt in den Spitzen und den Spalten
(wer hätte nicht durch solchen Schiet hindurch gemusst):
In diesem Saft soll man die Lästerzungen schmoren.