1. Bewusstsein
1.1 Begriffsgeschichte
Bewusstsein, lat. conscientia, engl. consciousness ist ein Begriff mit einer langen Geschichte. Schon bei Seneca oder Cicero findet man ihn mit einer zwiefachen Bedeutung, nämlich „moralisches Gewissen” und „inneres Wissen”. Diese Doppelbedeutung hat sich, etwa im Englischen, bis heute gehalten. Bekannte Leute, die sich zu diesem Thema geäußert haben, sind besonders Philosophen gewesen.
Thomas v. Aquin betrachtete Bewusstsein (neben der Bedeutung „Gewissen”) als „inneren Sinn”, der die Funktion hat, die Zustände unserer Sinnesorgane abzulesen und uns mitzuteilen, dass wir, beispielsweise, etwas sehen.
Rene Descartes wurde Vater des modernen Bewusstseinsbegriffs, indem er dessen moralische Bedeutung abtrennte und „Bewusstsein” und „Denken” („cogitatio”) identifizierte. Denken sei das Wesen des Geistes, alles Denken sei daher auch immer bewusst. Allerdings meint Descartes immer nicht-reflexives Bewusstsein, also etwa das („phänomenale”) Bewusstsein von schwarzen Buchstaben auf grauem Hintergrund (wie es der Leser dieser Zeilen jetzt hat) und nicht das Bewusstsein, etwa dass man gerade über einen Sinneseindruck nachdenkt.
In der Folge differenzierte sich der Bewusstseinsbegriff, insbesondere der Selbstbezug („Reflexivität”) und der Objektbezug („Intentionalität”) des Begriffes wird stärker unterschieden.
John Locke fasst, ähnlich wie Descartes, die Begriffe „Bewusstsein” und „Mentales” unter dem Sammelbegriff der „Perzeption” zusammen und behauptet, es könne keine unbewussten Perzeptionen geben. Da Locke aber ausdrücklich auch reflexives Bewusstsein meint, läuft er in eine unendliche Gedankenschleife („infiniter Regress” sagen die Philosophen dazu), denn dann müsste einem ja nicht nur bewusst sein, dass man gerade liest, sondern auch, dass einem bewusst ist, das man gerade liest. Und das einem bewusst ist, dass einem bewusst ist, das man gerade liest usw.
Gottfried Wilhelm Leibnitz unterschied zwischen dem Bewusstsein äußerer Gegenstände („Apperzeption”) und dem reflexiven Bewußtsein inner Zustände („Perzeption”) und ließ, um das Problem der unendlichen Schleife zu vermeiden, auch unbewusste geistige Zustände zu.
Immanuel Kant sah neben dem „empirischen Bewusstsein” auch ein „transzendentales” Bewusstsein am Werk, welches das aller Erfahrung vorausgehende („apriorische”) unwandelbare Bewusstsein von sich selbst sei und von dem das empirische Bewusstsein abhängig sei. Ohne transzendentales Bewusstsein kein Erfahrung.
Thomas Huxley stellte (und verneinte) die bis heute strittige Frage, ob es überhaupt möglich sei, auf der Basis objektiver Wissenschaften das Zustandekommen subjektiver Bewusstseinsinhalte zu erklären, die ja eine ausgesprochen „private” Erlebnisqualität haben. Dieses Problem der Kluft zwischen objektiven Sachverhalten und subjektivem Empfinden nennt man heute „Erklärungslücke” („explanatory gap”).
Ludwig Wittgenstein bestritt, dass innere Selbstbeobachtung („Introspektion”) uns einen privilegierten und täuschungsfreien Zugang zu unseren inneren Zuständen verschaffen könnte. Dazu wäre nämlich, da man nur in Sprache denken könne, die Entwicklung einer jeweiligen Privatsprache, in der man über mentale Dinge sprechen könne, Voraussetzung.
1.2 Begriffsklärung
„Bewusstsein”, im Deutschen 1719 von Christian Wolff als Übersetzung von „sibi conscium esse” etabliert, kann in der Alltagsverwendung viele verschiede Dinge bezeichnen.
- Zum einen bedeutet es den Zustand der „Wachheit” einer Person.(„X ist bei Bewusstsein”)
- Zum anderen bezeichnet es den Sachverhalt, dass bestimmte Wahrnemungsobjekte einer Person gegenwärtig sind („X ist sich des Hammers auf seinem Daumen bewusst”)
- Weiterhin kann der Begriff auch, statt auf Personen, auf geistige Zustände angewendet werden („X ist mir bewusst”).
- Bewusstsein kann auch, reflexiv, die Aufmerksamkeit auf innere mentale Zustände bedeuten („Ich bin mir meiner Langeweile beim Lesen dieses Textes bewusst.”)
- Schließlich kann der Begriff auch als „Selbstbewusstsein” das begrifflich strukturierte Innewerden von sich selbst als Person, nicht nur als Träger mentaler Zustände, bedeuten.
1.3 Noch mehr Begriffe
Mit welcher Bedeutung auch immer man den Begriff verwendet, es ist immer vorausgesetzt, dass „Bewusstsein” mentale Zustände oder Eigenschaften beschreibt. Schon sehr früh in der Geschichte menschlichen Denkens kam es zu der Frage, wie denn eigentlich diese Eigenschaften oder Zustände „zustande kommen”.
Darauf gibt es zwei Extremantworten, die man mit den Begriffen „Dualismus” und „Monismus” belegt hat.
Simpel gesprochen sieht der Dualist im Mentalen und dem Materiellen zwei völlig voneinander getrennte Bereiche, während der Monist (oder auch „Physikalist”) davon überzeugt ist, dass beides „irgendwie” eines sei.
Die „dualistische” oder „physikalistische” Antwort kann man in diesem Kontext auf zwei Fragen geben. Die erste Frage geht dahin, ob es getrennte physische und psychische „Substanzen” gebe, die zweite fragt, ob physische und psychische „Eigenschaften” getrennt, oder „irgendwie eines” seien.
Je nach Antwort auf beide Fragen gibt es „Substanzdualisten”, „Eigenschaftsdualisten”, Eigenschaftsphysikalisten" und „Eigenschaftsphysikalisten”. Descartes beispielsweise nahm zwei getrennte Substanzen an, das „Ausgedehnte” („res extensa”) und das „Denkende” („res cogitans”) und war daher Substanzdualist. Heute gibt es nur noch sehr wenige Substanzdualisten (allerdings: Sir John Eccles ist einer!) und die Musik spielt eigentlich zwischen den Eigenschaftsdualisten und den Eigenschaftsphysikalisten.
2. Das Bieri-Trilemma
Der Alltagsverstand macht drei Grundannahmen, die - sofern man nur darüber nachdenkt - nicht miteinander verträglich sind, und die direkt in das Herz des "Leib-Seele"-Problems führen.
1) Mentale Phänomene sind nicht physische Phänomene
Diese Annahme („ontologischer Dualismus”) sagt nicht mehr, als dass wir immer sehr genau unterscheiden können, ob etwas ein geistiges Phänomen („Schmerz”, „Neugier”) oder ein physisches Phänomen („Eiffelturm”, „Schneesturm”) ist.
2) Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam.
Diese Hypothese („mentale Verursachung”) beschreibt den einfachen Sachverhalt, dass geistige Zustände („Hunger”, „Schmerz”) physische Folgen („Öffnen einer Chipstüte”, „Zurückziehen der Hand von der Herdplatte”) haben können.
3) Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen.
Auch diese Prämisse („methodologischer Physikalismus”) sagt etwas ganz einfaches, nämlich dass physische Wirkungen immer physische Ursachen haben müssen. In unserem Alltagsverständnis ist für die Idee, dass eine Ming-Vase umfällt, weil ich daran gedacht habe, wie hässlich sie doch ist, kein Platz.
Dummerweise passen diese drei Annahmen nicht zusammen, sondern stellen ein Trilemma („Bieri-Trilemma”) dar, d.h. man kann sie nicht gleichzeitig akzeptieren:
- Wenn Geist und Materie völlig verschieden sind (1), und nur materielle Dinge materielle Wirkungen haben können (3), dann können geistige Dinge eben keine materiellen Wirkungen haben, im Gegensatz zu (2).
- Wenn Geist und Materie völlig verschiedene Dinge sind (1) und geistige Dinge materielle Wirkungen haben können (2), dann haben eben geistige Dinge materielle Wirkungen. Dies widerspricht (3) und darüber hinaus auch unserem Schulwissen („Energieerhaltungssatz”).
Also muss man mindestens eine dieser Annahmen aufgeben.
Gibt man die Annahme (2) auf, dass mentale Phänomene im physischen kausal wirksam sind, dann kommt man zu der Schlussfolgerung, dass entweder
- psychische Phänomene quasi nur unnötige, da nicht kausal wirksame, „Nebenprodukte” des physischen Gehirns sind. Diese Annahme, die als „Epiphänomenalismus” bekannt ist, vermag nicht so recht zu befriedigen. Oder ich muss annehmen, dass
- Psychische und physische Phänomene voneinander getrennte Bereiche sind, die sich aber synchron verhalten (psychophysischer Parallelismus). Als Ursache für diese Parallelität muss man dann allerdings eine höhere Instanz („Gott”: Occasionalismus, „Programmierung von Geist und Seele”: die prästabilierte Harmonie von Leibnitz) annehmen, was auch nicht so recht befriedigt.
Gibt man (3) auf, also die Annahme, dass nur physische Dinge auch physische Wirkungen haben können, dann bekommen wir einen radikalen Bruch mit unserem Weltbild, wenn wir in diesem - was die meisten Menschen tun - annehmen, dass Tief- und Hochdruckgebiete das Wetter beeinflussen und nicht etwa auch der Regentanz. Einen derartigen Bruch mit unserem Weltverständnis, bei dem wir freilich recht zwanglos Telekinese etc. erklären könnten, würden wir in der Regel nur dann gestatten, wenn wir unausweichliche oder doch zumindest augenfällige Gründe dafür haben.Und selbst wenn wir es zuließen, hätten wir das Problem, die Grenze zu ziehen, welche physischen Wirkungen mentale Phänomene haben können und welche nicht. Ohne eine derartige Grenzziehung ist menschliches Verhalten, welches ja auf der zumindest begrenzten Vorhersagbarkeit der Welt beruht, nicht möglich, wir landen im „methodischen Balbinismus”.
Demjenigen, der das nicht will, bleibt nur als letzte Möglichkeit, mit (1) die Annahme aufzugeben, dass Physisches und Mentales streng getrennte Dinge sind.
3. Physikalismus
Wie oben schon gesagt, lässt sich, nicht ganz treffend, aber für unsere Zwecke akzeptabel, die Position, dass das Mentale und das Physische „irgendwie” eines seien, als „Physikalismus” bezeichnen.
Je nachdem, wie man das „irgendwie” interpretiert, kommt man zu unterschiedlichen „Philosophien”, wobei im Folgenden nur auf die „Eigenschaftsfrage” eingegangen wird, also das Problem, wie „mentale Eigenschaften” und „physische Eigenschaften” zusammen hängen.
3.1 Semantischer Physikalismus
Der semantische Physikalist (oder auch „logische Behaviorist”, etwa Carnap) sagt, dass die Ausdrücke, die wir verwenden, um mentale Dinge zu beschreiben, in andere übersetzt werden können, die nur physische Dinge beschreiben.Man muss sich das analog zu folgendem Szenario vorstellen: In „Eine Windbö beschleunigte das Windrad” ist Alltagssprache. „Eine Gasmenge (Sauerstoff, Stickstoff, CO2 etc.) von 287 Kubikmetern traf mit einer mittleren Geschwindigkeit von 102 km/h auf einen Rotor, so dass ein Teil der kinetischen Energie ihrer Masse in Rotationsenergie des Rotors umgesetzt wurde.” ist die „Übersetzung” des Sachverhaltes in Wissenschaftssprache. Dies ließe sich auch mit mentalen Begriffen machen.
Leider ist es extrem schwer, selbst so einfache Begriffe wie „Durst” in dieser Form zu übersetzen, so dass nur noch physische Begriffe vorkommen. „X hat Durst, wenn X in der Nähe eines Kühlschrankes ist und ein Bier herausholt” ist deutlich zuwenig.
3.2 Identitätstheorie
Die Identitätstheoritiker sagen dagegen, dass mentale und physische Begriffe zwar unterschiedliche Bedeutung haben, aber doch dasselbe bezeichnen. Das klingt merkwürdig, aber ein paar Beispiele machen es klarer: „Der Himmelskörper, der morgens als letztes zu sehen ist” oder auch „der Morgenstern” ist ein Begriff. „Der Himmelskörper, der abends als erstes zu sehen ist” oder auch „der Abendstern” ist ein anderer. Seine Bedeutung ist von der des ersten wohl unterschieden, aber nichtsdestoweniger bezeichnen beide dasselbe Objekt, nämlich die Venus.
Genau so kann man auch sagen, dass „Temperatur eines Gases” dasselbe ist wie „mittlere kinetische Energie der Gasmoleküle”.Eine derartige „Identifikation” einer Eigenschaft F („Temperatur”) mit einer Eigenschaft G („mittlere Energie”) verwendet eine „reduktive Erklärung”. Diese reduktive Erklärung sagt, dass die kausale Rolle von F genau durch die Eigenschaften von G erfüllt wird. Alle kausal wirksamen Eigenschaften der Gastemperatur („Gewichtsänderung siehe Heißluftballon”, „Haartrockenfähigkeit beim Föhnen” etc.) lassen sich naturgesetzlich aus dem Begriff „kinetische Energie der Gasmoleküle” ableiten. Mentale Eigenschaften, so die Identitätstheorie, sind in genau diesem Sinne auf physische Eigenschaften reduzierbar.
Allerdings hat auch die Identitätstheorie gewisse Probleme. Zwei Menschen, die gerade die selbe Empfindung („Tomatenrot”) haben, haben beispielsweise mit Sicherheit unterschiedliche Verschaltungen ihrer Hirnzellen („Neuronen”). Nach Gehirnverletzungen können andere Teile des Gehirns die Aufgabe der verletzten übernehmen. Von „Identität” im einfachen Sinne kann dann aber nicht mehr gut gesprochen werden.
3.3 Realisierungstheorie
Die Realisierungstheorie gibt die Identitätsbedingung auf und sagt, dass mentale Eigenschaften auf die eine oder andere Art, aber immer physikalisch realisiert werden können. So kann man die Eigenschaft „X ist ein Haus”, also die „Haushaftigkeit” realisieren, indem man Lehmziegel übereinanderschichtet und mit Wellblech deckt. Aber genauso kann man „Haushaftigkeit” mit Holzbohlen oder Stahlbeton realisieren. So wie im Beispiel eine architektonische Eigenschaft („Haushaftigkeit”) durch unterschiedliche materielle Träger realisiert wird, können auch mentale Eigenschaften wie „Schmerz” durch unterschiedliche Träger realisiert werden. Es leuchtet ein, dass diejenigen, die versuchen, mit Computern „Künstliche Intelligenz” oder „Künstliches Bewusstsein” zu schaffen, Anhänger der Realisierungstheorie sind, denn sie glauben ja, dass es für ein und dasselbe Phänomen („Bewusstsein”) sowohl eine biologisch-neuronale (Nervenzellen) als auch eine informationstechnische (Software und Siliziumchips) Realisierung gibt.
Aber (auch) die Realisierungstheoretiker leiden unter der „Erklärungslücke”. Schmerz, Geruch von Sandelholz und die Wärmeempfindung, wenn mich die Sonne bescheint sind direkte, subjektive Qualitäten. Die Philosophen nennen diese direkten phänomenalen Eindrücke auch „Qualia”. Die unvermittelte, ganzheitliche, perspektivische Qualität „So fühlt es sich an, wenn die Sonne einen wärmt” wird von der Realisierungstheorie nicht erklärt. Hierzu gibt es ein berühmtes Gedankenexperiment von Jackson: "Ein Kind namens Mary wächst in einer rein schwarz-weißen Umgebung auf. Mithilfe eines Computers, der nur Schwarz-Weiß darstellt, erhält es seine Ausbildung. Mary lernt alles, was die Physiker und Biologen über Licht, Wellenlängen elektromagnetischer Strahlung, die Netzhaut, den Sehnerv, Farbcodierung im Gehirn etc. wissen. Dennoch: Wenn Mary zum erstenmal eine Rose sieht, lernt sie etwas Neues, nämlich „Wie es ist, wenn man Rotes sieht”. Da, so die Schlussfolgerung, Mary vorher alles Physische über Farben wusste, hat sie nun offenbar etwas „Nicht-physisches” gelernt. Das kann die Realisierungstheorie nicht erklären. Daher gab es Bestrebungen, sogenannte „nicht-reduktionistische” Versionen des Physikalismus zu entwickeln.
3.4 Supervenienztheorie
„Supervenienz”, ein neues Wort, aber vielleicht nicht so schwer zu verstehen. Abstrakt gesprochen ist eine Eigenschaft F supervenient über einem System S („F superveniert über S”), wenn es keine Änderung von F ohne eine Änderung von S gibt. So superveniert beispielsweise „Gesichtsausdruck” aus dem System der Gesichtsmuskeln. Es kann keine Änderung des Gesichtsausdrucks geben, ohne dass sich der Zustand der Gesichtsmuskeln verändert. Betrachten wir als zweites Beispiel die Bilder, die bei Grossveranstaltungen wie etwa den Eröffnungsfeiern der Olympiade durch Fahnenschwenker dargestellt werden. Viele Hunderte, gar Tausende Menschen formen wechselnde Bilder (Flaggen, Symbole) durch farbige Bänder, Fahnen oder Flächen.Es ist unerheblich, ob der 142. Fahnenschwenker in der 17. Reihe mal die Fahne unten lässt, weil er niesen muss. Aber es kann keine Änderung des Gesamtbildes ("Brittische Flagge zu Polnische Flagge) geben, ohne dass sich das zugrundeliegende System der Fahnenschwenker ändert. Daher kann man sagen, dass „Dargestellte Landesflagge” über dem System der Fahnenschwenker superveniert.
Die Supervenienztheorie besagt nun, dass mentale Eigenschaften über physischen supervenieren. Mentale Eigenschaften sähen zwar „von oben” wie etwas Neuartiges aus (wie die Fahnenbilder), aber sie seien eindeutig nicht nur durch physische Phänomene verursacht, sondern „einzig und alleine” durch diese verursacht (so wie die Fahnenbilder durch die Fahnenschwenker).
Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, das bloße Supervenienz noch keine physikalistische Position begründet. Auch etwa der Epiphänomenalismus oder der Psychophysische Parallelismus ist mit Supervenienz verträglich (denn auch wenn das Mentale M nur ein Nebenprodukt des Physischen P ist, gibt es keine Änderung von M ohne Änderung von P). Hinzunehmen muss man noch die Bedingung der „reduktiven Erklärbarkeit”. Nicht nur muss das Mentale über dem Physischen supervenieren, sondern es muss auch aus diesem erklärbar sein. Etwa so, wie in den beiden Beispielen die superveniente Eigenschaft („Gesichtsausdruck”, „Landesflagge”) aus den zugrundeliegenden Systemen („Gesichtsmuskeln”, „Fahnenschwenker”) vorhersagbar oder dadurch erklärbar war. Damit bleibt die Supervenienztheorie allerdings eine „reduktionistische” Version des Physikalismus.
3.5 Emergentismus
Eine Alternative dazu (und natürlich wieder ein neues Wort) liefert der Emergentismus.
Der Begriff der Emergenz besagt für eine Eigenschaft F dass sie über einem System S superveniert, aber aus diesem prinzipiell nicht vorhersagbar ist, respektive nicht aus diesem vollständig erklärbar ist.. Einfach gesagt, ist Emergenz immer dann gegeben, wenn das Ganze mehr ist, als aus der Summe seiner Teile (logisch/naturgesetzlich/metaphysisch) hergeleitet werden könnte. Auch für Emergenz würde ich gerne ein Beispiel geben, aber dummerweise treten in unserer Alltagswelt beharrlich nur Phänomene auf, die wir durch die zugrundeliegenden System erklären können, oder bei denen wir doch wenigstens keinen Anhalt dafür haben, dass dies nicht prinzipiell möglich sein könnte.
Beispielhaft für Emergenz taucht etwa in der Literatur auf:
Wasser ist eine klare Flüssigkeit mit Siedepunkt von 100°. Dies ist nicht aus den Eigenschaften der Bestandteile, Sauerstoff und Wasserstoff, vorhersagbar.Dieses Beispiel ist leider zu simpel, denn warum sollte es der Physik _prinzipiell_ unmöglich sein, die Eigenschaften von Wasser vorherzusagen. Ein anderes Beispiel dafür ist das biologische Leben, welches nicht aus den Bestandteilen vorhergesagt werden könne. Auch hier haben wir ein Problem, denn entweder nehmen wir eine obskure „Lebenskraft“ an, oder aber wir glauben, dass die Biologie _prinzipiell_ Leben erklären könne. Dann ist aber kein Raum mehr für Emergenz.
Die Emergentisten nun, behaupten, dass genau das aber bei mentalen Eigenschaften der Fall ist. Zwar gibt es eine materielle Basis („Nervenzellen”), und es kann auch keine Änderung mentaler Eigenschaften ("hungrig"-> „satt”) geben, ohne dass sich etwas auf Basis der Nervenzellen ändert („Supervenienz”), aber diese Eigenschaften sind prinzipiell nicht durch Logik oder Naturgesetze vorhersagbar. So ist etwa für Searle das Bewusstsein eine Eigenschaft, die durch einen bestimmten Status von Nervenzellen kausal erklärt werden kann, aber nicht mit diesem identisch ist. Das subjektive Empfinden („wie sich etwas anfühlt”, „ich bin es, der etwas erlebt”, „ich bin ich” etc.) sei nicht weiter reduktiv analysierbar.
Allerdings haben auch die Emergentisten mit einigen Problemen zu kämpfen. Zum einen kann man nämlich argumentieren, dass der Emergentismus keine physikalistische Theorie mehr sei. Denn wenn bei einer emergenten Systemeigenschaft „etwas dazu” komme, dann sei dies ja nichts Physisches mehr. Mit diesem Argument, der „metaphysischen Mitgift” können einige Emergentisten, z.B. Popper, noch gut leben.
Schwieriger wird es bei folgender Überlegung: Entweder wirken mentale Phänomene auf physische Systeme zurück („downward causation”) und wir haben die oben bereits angesprochene Problematik, wie das denn - insbesondere unter Energieerhaltung - möglich sein könnte. Oder aber, es gibt keine derartige kausale Wirkung „nach unten”, und dann ist der Emergentismus eine Spielart des Epiphänomenalismus. Mit diesem teilt er etwa das Problem der Willensfreiheit. Wenn nämlich die materiale Basis der Nervenzellen die einzige kausale Rolle für Änderungen der mentalen Phänomene (inklusive des menschlichen Willens) spielt und diese nicht zurückwirken können, dann kann es keinen freien Willen geben.
Außerdem ist nicht einleuchtend, warum im Laufe der Evolution etwas so kompliziertes wie das menschliche Bewusstsein entstanden ist, wenn es nicht seinerseits eine kausale Rolle, z.B. für das Überleben der Individuums oder der Spezies spielen sollte.
4. (K)ein Fazit?
Ganz ohne Zweifel sind einige der historischen Antworten, nicht zuletzt durch neurobiologische Erkenntnisse, überholt. Und auch ein höheres Wesen, welches im Sinne des Occasionalismus dafür sorgt, dass physische und psychische Prozesse ohne Wechselwirkung untereinander im Gleichtakt laufen, scheidet als wissenschaftliche Antwort auf die Frage, wie denn Bewusstsein zustande komme, eher aus.
Nichtsdestoweniger ist man nicht nur von einer Antwort auf die gestellte Frage weit entfernt, sondern es ist sogar so, dass es schwer fällt, Kriterien zu definieren, wann wir denn überhaupt eine Lösung des Problems hätten.Wenn also etwa ein Repräsentationalist uns ein Computerprogramm vorstellte, von dem er behauptet, dass es Bewusstsein besäße: Wie würden wir seine Behauptung überprüfen? Eine beliebte Antwort auf eine ähnliche Frage („Wie erkenne ich künstliche Intelligenz?“) ist der sogenannte „Turing-Test“.Er beruht auf dem Prinzip „Wenn etwas aussieht wie eine Ente und auch so watschelt wie eine Ente, dann nennen wir es Ente!“ Versuchspersonen kommunizieren im Turing-Test über einen Computer mit Gesprächspartnern. Wenn sie nicht unterscheiden können, ob am anderen Ende ein Mensch oder ein Computer antwortet, dann – so das Kriterium – wird man dem Computer „Intelligenz“ zubilligen können. Ähnliches könnte man für „Bewusstsein“ konstruieren.
Links:
Bieri-Trilemma
Leichtverständliche Einführung in Philosophie des Geistes
Witzig zu lesende Auseinandersetzung mit einigen Koryphäen
Gute Literaturübersicht
Sehr schöne Einführung von Joscha Bach
Gutes, aber nicht einfaches Papier zum Thema Eigenschaftsphysikalismus
Gutes, aber nicht einfaches Papier zum Thema Identität, Supervenienz etc.
Philosophisches Forum mit Sektion Philosophie des Geistes
Jans Kritik des Turing-Tests